Ausstellungsprojekt der Professur für Osteuropäische Geschichte an der Universitätsbibliothek Basel

Kuratiert von Rhea Rieben, M.A., Prof. Dr. F. Benjamin Schenk unter Mitwirkung von Anne Hasselmann, Aline Corpataux, Basil Haag, Stefan Heinen, Judit Pechr, Katarina Pencic, Nando Quagliati, Simona Schraner, Roger Stettler und Laura Verni

Laufzeit: 7. Oktober 2021 bis 14. Januar 2022, Universitätsbibliothek Basel 

Fritz Platten ist eine der umstrittensten politischen Figuren der Schweizer Geschichte im 20. Jahrhundert. Für die einen ist er ein legendärer Schweizer Kommunist und ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Andere sehen in ihm einen verblendeten Anhänger Lenins und Stalins, der in der Schweiz zurecht weitgehend in Vergessenheit geriet. – Wer aber war Fritz Platten und wie lassen sich die unterschiedlichen Interpretationen seiner Person erklären? Diesen Fragen widmet sich die Ausstellung „Auf der Suche nach Fritz Platten“, die ab Oktober 2021 in der Universitätsbibliothek Basel zu sehen ist.
 

Gegenstand der Ausstellung
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Nachlass von Plattens Sohn, Fritz Nicolaus Platten, der Zeit seines Lebens Material zur Biografie seines Vaters gesammelt hat und der seinen Nachlass 2005 der Universität Basel vermachte. Gemeinsam mit Studierenden der Universität Basel, dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich und weiteren Projektpartnern beleuchten wir die Biografie Fritz Plattens sowie seine Erinnerungsgeschichte in der Schweiz und in der Sowjetunion von den 1930er bis in die 1990er Jahre.  

Die geplante Ausstellung thematisiert die Biografie und die Auseinandersetzung mit Fritz Platten in der Schweiz und der Sowjetunion seit den 1940er Jahren. Die «Suche» Fritz Nicolaus Plattens nach seinem Vater und der gesellschaftspolitische Umgang mit dem Schweizer Kommunisten eröffnet dabei den Blick auf eine grössere Geschichte. Erstmals wollen wir in der Ausstellung auch die Geschichte von Fritz Plattens Rehabilitierung in der UdSSR seit den 1950er Jahren und den Platten-Kult in der Sowjetunion in den 1970er und 80er Jahren rekonstruieren.

Der Titel der Ausstellung spielt darauf an, dass sich unterschiedliche Bilder seiner Person im kulturellen Gedächtnis überliefert haben und diese ein facettenreiches Bild dieser historischen Figur ergeben. War er ein «Freund Lenins», ein «Bürgerschreck», ein «Stalinist» oder ein «Opfer des Stalinismus»? Die Ausstellung lädt ein, über diese Fragen nachzudenken.

Wer war Fritz Platten?
Fritz Platten (1883–1942) war einer der radikalsten und bekanntesten Schweizer Kommunisten seiner Zeit. Als Organisator des berühmten ‘plombierten’ Zuges, mit dem Lenin im Frühjahr 1917 vom Exil in Zürich ins revolutionäre Russland zurückkehrte, ging Platten in die Geschichte ein. Platten gehörte zur «Zimmerwalder Linken» und wirkte 1919 in Moskau als Präsidiumsmitglied bei der Gründung der Komintern mit. 1921 war er Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS), für die er auch kurze Zeit im Nationalrat sass. 1923 wanderte er mit Gleichgesinnten in die Sowjetunion aus und gründete dort eine Landwirtschaftsgenossenschaft. Später lehrte Platten am Moskauer Fremdspracheninstitut. 1938, im Zuge des «Grossen Terrors», wurde er verhaftet und 1939 zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt. Fritz Platten kam am 22. April 1942 im Gulag unter ungeklärten Umständen ums Leben.  

Fritz Platten – Ein Mythos in Ost und West
Von Plattens Tod erfuhr die Weltöffentlichkeit erst Mitte der 1950er Jahre. Bis dahin galt er als «verschollen». Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 wurden Platten und seine dritte Ehefrau Berta Zimmermann (1902–1937) in der Sowjetunion rehabilitiert. Im Rahmen des aufblühenden Lenin-Kultes wurde Fritz Platten in den 1960er und 70er Jahren in der UdSSR als «Weggefährte Lenins» verehrt. In der Schweiz blieb er dagegen eine persona non grata. Sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch während des Kalten Krieges war die politische Kultur der Schweiz von einer dezidiert antikommunistischen Grundstimmung geprägt. Vertreter/innen sozialdemokratischer und insbesondere kommunistischer Kreise standen unter Generalverdacht. Eine ideologisch unbefangene Auseinandersetzung mit Fritz Platten und der spannungsvollen Beziehungsgeschichte der Schweiz und des Kommunismus war in dieser Zeit nahezu unmöglich.

Platten mit Hut

UB Handschriften NL 340

FNP Sozialarchiv JPG

Fritz N. Platten am Schreibtisch mit Akten: Schweizerisches Sozialarchiv F 5009-Fx-032

Fritz Nicolaus Platten und die Suche nach seinem Vater
Als am 1. Mai 1948 die Bildungsgruppe der sozialdemokratischen Jugendorganisation Zürich ein nicht bewilligtes Transparent mit der Losung «Befreit Fritz Platten aus den Kerkern Stalins» in die Maikundgebung schmuggelte, löste dies innerhalb der Schweizer Linken eine hitzige Debatte aus. Angestossen durch die Diskussion über das Schicksal Fritz Plattens begann dessen zweiter Sohn, Fritz Nicolaus Platten (1918–2004), in den 1950er Jahren systematisch zur Biografie seines Vaters zu recherchieren und ein umfangreiches Archiv anzulegen. Ziel seiner Arbeit war eine Fritz Platten-Biografie, ein Projekt, das jedoch unvollendet blieb. 2005 übergab Fritz Nicolaus Platten seinen Nachlass an die Universitätsbibliothek Basel, wo er nun der historischen Forschung zur Verfügung steht.

Rahmenprogramm
Begleitend zur Ausstellung findet im Herbst 2021 an der Volkshochschule beider Basel eine Vortragsreihe mit dem Titel «Rote Hoffnung» und «Rote Gefahr». Die Schweiz, Russland und der Kommunismus im 20. Jahrhundert statt. Zudem ist im November ein Themenabend an der Universitätsbibliothek geplant. Weitere Informationen zum Rahmenprogramm folgen.

Auf der Suche nach Fritz Platten. Die Schweiz und der Kommunismus im 20. Jahrhundert
 

Projektleitung: Professur für Geschichte Osteuropas der Universität Basel: Rhea Rieben, M.A.; Prof. Dr. F. Benjamin Schenk

Kooperationspartner: Universitätsbibliothek Basel, Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich; Volkshochschule beider Basel; Europäische Universität St. Petersburg; Madeleine Ronner (Rudolf-Steiner-Schule Basel und Rudolf-Steiner-Schule Birseck)

Szenografie: Groenland Basel

Coaching Textarbeit und Lektorat: Atelier Degen+Meili

Förderer: Schweizerischer Nationalfonds (Förderlinie Agora) und Stiftung für Sozialgeschichte Osteuropas

Gefördert von

Stiftung für Sozialgeschichte Osteuropas


Lage 

Schönbeinstrasse 18-20, 4056 Basel, Ausstellungsraum 1.OG

Öffnungszeiten

Montag - Freitag: 08.00 Uhr - 19.00 Uhr 

Samstag: 12.00 Uhr - 17.00 Uhr, Sonntag: geschlossen 

Kontakt 

info-ub@clutterunibas.ch

osteuropa-geschichte@clutterunibas.ch