Fabian Baumann

Dr. des. Fabian Baumann


Assistent / Doktorand (Professur Schenk)

Büro

Hirschgässlein 21
4051 Basel
Schweiz

Doktorand (Philosophisch-Historische Fakultät)

Fabian Baumann

Seit 08/2020 Assistent am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Universität Basel

08/2020 Promotion in Osteuropäischer Geschichte. Titel der Dissertation: "Diverging Paths: The Shul'gin/Shul'hyn Family and the Emergence of Rivalling Nationalisms in Late Imperial Kiev"

2016-2020 DOC.CH-Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Universität Basel

2009-2014 Studium der Slawistik und Osteuropäischen Geschichte in Genf, St. Petersburg und Oxford.

Forschungsschwerpunkte

  • Geschichte Russlands und der Ukraine im 19. und 20. Jahrhundert
  • Nationalismusgeschichte
  • Vergleichende Imperiengeschichte
  • Biographieforschung

Diverging Paths: The Shul’gin/Shul’hyn Family and the Emergence of Rivalling Nationalisms in Late Imperial Kiev

Die Dissertation untersucht die Entstehung des russischen und ukrainischen Nationalismus im späten 19. Jahrhundert anhand der Familiengeschichte einer Kiever Intellektuellendynastie. Die Familie Šul’gin bzw. Šul’hyn spaltete sich in den 1870er-Jahren in zwei politisch gegensätzliche Zweige auf: Einen ukrainophilen Zweig, dessen Mitglieder die UkrainerInnen als eigenständige Bauernnation verstanden und einen kleinrussischen Zweig, für den die Ukraine (bzw. "Kleinrussland") zu einer übergeordneten russischen Nation gehörte. Im Kleinen vollzog die Familie somit die grössere Entwicklung, die Kievs patriotische Intelligenzia zur Entscheidung zwischen zwei konkurrierenden Projekten der Nationsbildung zwang.

Die zentralen Erkenntnisse der Dissertation lassen sich grob in fünf Punkten zusammenfassen. Erstens stellt die Dissertation das einflussreiche Narrativ in Frage, wonach Nationalismus dadurch aufkommt, dass Individuen politische Forderungen an ihre vorbestehende Ethnizität (d.h. Sprache, Volkskultur usw.) knüpfen. Stattdessen konzeptualisiere ich Nationalität als bewusste politische Entscheidung: Individuen wie Jakov Šul’gin und Dmitrij Pichno entschieden sich für politische Projekte (etwa einen lokal grundierten Bauernsozialismus oder den russisch-imperialen Staat) und bemühten sich im Zuge dessen, selbst zu kulturell unzweideutigen Mitgliedern der jeweils imaginierten Nation zu werden. Trotzdem erlangten selbst überzeugte NationalistInnen keine monolithische «nationale Identität»: Auch jüngere Aktivisten wie Jakovs Šul’gins Sohn Oleksander Šul’hyn blieben vor 1914 mit der imperialen Mehrheitskultur und -gesellschaft verbunden und hielten sich imperiale Karrierewege offen.

Zweitens zeige ich die wichtige Bedeutung der Familie und des Privatlebens für die Weitergabe und Weiterentwicklung der jeweiligen nationalen Projekte auf: Von der imperialen Regierung aus dem öffentlichen Raum vertrieben, lebten Kievs Ukrainophile ihren nationalistischen Aktivismus in ihren Privathaushalten und besonders in der Kindererziehung aus. Dagegen nutzten die russisch-nationalistischen Pichno-Šul’gins ihre Familie (in Ermangelung stabiler Parteien) als politisch-ökonomisches Organisationsnetzwerk; gerade ihre unkonventionellen innerfamiliären Beziehungen stärkten ihren Zusammenhalt als «politisches Familienunternehmen». Die Familie und der private Haushalt zeigen sich so als zentrale Orte national-politischer Sozialisierung, wobei die Fortsetzung politischer Projekte selten ohne intergenerationelle Reibungen erfolgte. Drittens kann ich so aufzeigen, dass die historische Nationalismusforschung durch ihre Konzentration auf die Politik- und Ideengeschichte die Bedeutung nationalistischer Frauen unterschätzt hat. Aufgrund einer Ideologie, die das Privatleben explizit als politisch relevant definierte, konnten Frauen paradoxerweise innerhalb patriarchaler Strukturen politische agency erlangen, sei es als Erzieherinnen zukünftiger Generationen der Nation, als Journalistinnen oder als politische Organisatorinnen.

Viertens schlage ich eine neue Lesart der Beziehung zwischen russischem und ukrainischem Nationalismus im 19. Jahrhundert vor. Anstatt die beiden Bewegungen als grundsätzlich verbunden oder verfeindet darstellen, beschreibe ich ihr Verhältnis als Aushandlungsprozess. Da beide Seiten in der Ukraine auf die gleiche bäuerliche Bevölkerung abzielten, arbeiteten sie mit demselben ethnographischen Material und hatten teilweise überlappende Interessen. Andererseits verfolgten sie unterschiedliche langfristige Ziele, so dass sich Phasen der Zusammenarbeit und der Konfrontation abwechselten. Gleichzeitig fand auch ein Verhandlungsprozess zwischen der oppositionellen ukrainophilen Bewegung und dem imperialen Staat statt, wobei die Ukrainophilen immer wieder gesetzliche Grauzonen ausnutzen konnten. Fünftens schliesslich zeige ich im Anschluss an die neuere Forschung zur «national indifference», dass der russische wie der ukrainische Nationalismus vor dem ersten Weltkrieg zu grossen Teilen ein Elitenphänomen blieb, während die national-politischen Loyalitäten der bäuerlichen Massen schwach und instabil waren. Im politischen Vakuum von 1917 konnten dann sowohl ukrainische als auch russische NationalistInnen in Kiev Erfolge feiern, indem sie nationale Lösungen für die politischen Probleme der Zeit vorschlugen. Im folgenden Bürgerkrieg jedoch erwies sich ihr Programm als wenig massentauglich, wobei ihre Unfähigkeit zum Kompromiss miteinander entscheidend zu ihrer Niederlage beitrug.