Dies mediaevalis am 12. Dezember 2025«Hwæt!?» – Vokalität frühmittelalterlicher Dichtung


Die Welt ist ein Sprechakt – darum diskutierten wir einleitend die Schöpfung: Dixitque Deus: «Fiat lux!» - et facta est lux (Gn 1,3). Ohne Wort kein Universum. Das Mittelalter, in dem Schreiben nur marginal und funktional sehr begrenzt vorkam, wusste die Bedeutung gut gemachter Stimmleistung umso besser zu schätzen.

Im Laufe des Tages sammelten wir einen reichen Fundus mittelalterlicher Vokalitäten vom walisischen Mabinogion und Gododdin übers Nibelungenlied und den Minnesang bis zum Klostergesang und diskutierten den Sinn mündlicher Überlieferung: sie sicherte Familientraditionen, Nutzungsrechte, Gemeinschaftsnormen und moralische Lehren, theologisches Wissen und vieles mehr. Sie zu lernen, zu singen oder intonieren und zu bewahren war hohe Wortkunst, die Gesellschaften ohne Schrift waren zutiefst rhetorisiert.

Den krönenden Abschluss bildete eine beeindruckende live-Aufführung angelsächsischer Vokalität wie Beowulf (das Epos beginnt mit dem Ausruf «Hwæt!?»), Rätsel, Geschichtsdichtung durch einige unserer Studierenden, vorbereitet im Rahmen der Übung ‹Sprachwelten des Mittelalters: die Britischen Inseln›.

Bilder: Alicia Strub, Jan Rüdiger 


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