
Schulden waren im Spätmittelalter allgegenwärtig. So nahmen und vergaben unter anderem Städte, Kirchen, Zünfte, Herrscher, Händler, Handwerker und Juden Schulden. Die daraus entstehenden Beziehungen schufen somit ein gesellschaftlich, religiös und hierarchisch übergreifendes soziales Netzwerk, welches die spätmittelalterliche Bevölkerung miteinander verband. Ab dem 13. Jahrhundert werden im deutschsprachigen Raum diese Schuldgeschäfte durch öffentliche serielle Aufzeichnungen fassbar und ermöglichen somit die Beantwortung von sozial- und wirtschaftshistorischen Fragestellungen. In der bisherigen Untersuchung von öffentlichen Schuldaufzeichnungen (Hitz 2022, Nicolussi-Köhler 2025) wurde jedoch noch keine systematische Analyse und die Untersuchung eines religiös übergreifenden Schuldenmarkts, welcher sowohl christlich-christliche als auch jüdisch-christliche Geschäfte umfasst, vorgenommen.
Hier setzt mein Dissertationsvorhaben an, dessen Ziel es ist, die Struktur und Funktionsweise eines religiös pluralen Kreditmarktes sowie die Rolle von Vertrauen, sozialer Einbettung und inter- und innerreligiösen Beziehungen zu untersuchen. Als Untersuchungsgegenstand dient hierfür das dreiteilige Grund- und Satzbuch der Besitzungen der Herzogin Beatrix zu Österreich in einigen Wiener Vororten. Es umfasst neben einem Grundbuch (1389–1427) auch ein innerchristliches Schuldenregister, das Christenbuch (1389–1517) und ein jüdisch-christliches Register, das Judenbuch (1389–1420). Letzteres bricht mit dem Pogrom von 1420, der Wiener Gesera, ab.
Diese serielle Quelle verbindet jüdisch-christliche und christlich-christliche Schuldgeschäfte nicht nur durch die gleiche Administration, sondern auch durch die in beiden Büchern vorkommenden Akteure. Für die Erforschung eines religiös pluralen Kreditmarktes stellt sie somit eines der wenigen erhaltenen Quellencorpora dar, die eine gemeinsame Untersuchung ermöglichen. Ein weiterer Sonderfall ist, dass die innerchristlichen Aufzeichnungen nach dem Pogrom in der gleichen Form weitergeführt werden, wodurch die Untersuchung einer möglichen Substitution von jüdischen Krediten nach der Wiener Gesera ermöglicht wird.
Methodisch verbindet das Promotionsprojekt wirtschafts- und sozialgeschichtliche Ansätze mit quantitativen Verfahren und Methoden der Digital Humanities. Ausgangspunkt ist die prosopographische Erschliessung der im Grund- und Satzbuch verzeichneten Akteure sowie die systematische Erfassung der Schuldbeziehungen. Die Daten werden in einer relationalen Datenbank zusammengeführt und mittels sozialer Netzwerkanalyse ausgewertet. Auf diese Weise lassen sich zentrale Akteure, Beziehungsdichten sowie strukturelle Veränderungen im Zeitverlauf rekonstruieren. Im Anschluss werden die so identifizierten Muster qualitativ im Hinblick auf soziale Einbettung, Vertrauen und interreligiöse Interaktion interpretiert. Das Projekt folgt damit einem Ansatz, der ökonomisches Handeln im Sinne Granovetters als in soziale Beziehungen eingebettet begreift und diese Einbettung durch digitale Methoden empirisch rekonstruierbar macht.
Bildnachweis: AT-OeStA/FHKA AHK VDA Urbare 1067A, fol. 44v.