
Das Forschungsprojekt untersucht aus wissenschaftshistorischer Perspektive die Debatten über weibliches Begehren, die in den 1970er und 1980er Jahren in Frauenbewegung, Öffentlichkeit und Sexualwissenschaften geführt wurden. Im Zentrum der Analyse stehen die ersten beiden Publikationen der US-Feministin und Wissenschaftlerin Shere Hite, die Hite Reports über weibliche und männliche Sexualität (1976, 1981) sowie die dadurch ausgelösten transnationalen Diskurse. Die Zirkulationsprozesse dieser Debatten zu untersuchen ermöglicht, neue Einblicke in das komplexe Verhältnis zwischen Frauenbewegung, Sexualwissenschaften und Öffentlichkeit zu bekommen.
Die Untersuchung zeigt, wie die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit weiblichem Begehren zu Beginn der 1970er Jahre auch massgeblich von nichtakademischen, feministischen Akteurinnen initiiert wurden und sich danach durch ein vielschichtiges Zusammenspiel zwischen Feministinnen, der Medienöffentlichkeit sowie Vertreter:innen der Sexualwissenschaften auszeichnete. Die mäandernden Debatten verdeutlichen, wie umkämpft die wissenschaftliche wie gesellschaftliche Deutungshoheit über weibliches Begehren war und ist.
Mit einer Wissenschaftsgeschichte weiblichen Begehrens leistet das Projekt einen substantiellen Beitrag zur Geschichte der Sexualwissenschaften sowie zur Historiographie der Frauenbewegung in den USA und West/Nordeuropa und beleuchtet das ambivalente Verhältnis zwischen Wissenschaft und Aktivismus sowie Wissenschaft und Öffentlichkeit.