Julian StoffelDas Neue beginnen. Radikale Veränderung in den 1970er Jahren als Praxis, Erfahrung und Erinnerung emanzipatorischer Gruppierungen in der Schweiz

Basisdemokratische Entscheidungen, flache Hierarchien, das Ausdiskutieren von Problemen, eine antiautoritäre Haltung– die Ausgestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen in Gruppen beschäftige die von 1968 Bewegten und war Ansatzpunkt vielfältiger Versuche, emanzipative Veränderungen von Gesellschaft und Subjekten im Hier und Jetzt zu beginnen. In diesen Versuchen sehen Forschungsnarrative oftmals Wegpunkte einer zunehmenden Beschäftigung mit sich selbst, welche spätestens in den 1980er Jahren in eine Selbstbespiegelung mündete, die das entpolitisierte Ende einer 1968 revolutionär gestarteten Bewegung erklären soll. Was aber genau emanzipative Veränderung bedeutete, wie sie sich konkret für die Beteiligten gestaltete und was sie für deren weiteren Lebensverlauf bedeutete, wird selten eingehender behandelt.

In meinem Promotionsvorhaben möchte ich anhand exemplarischer Beispiele aus der Schweiz einen genaueren Blick darauf werfen, welche Perspektiven die Politisierung von Alltag, Subjektivität und zwischenmenschlichen Beziehungen in unterschiedlichen Kontexten der Neuen Linken damals und über die Jahre eröffnete. Was veränderten beispielsweise die Selbsterfahrungsgruppen feministischer Bewegungen oder der kollektive Betrieb eines autonomen Jugendzentrums konkret zu einer Zeit als grundlegende Veränderungen greifbar schienen? Wie gestaltete sich der Übergang vom zeithistorisch oft beschriebenen Aufbruch der 1960er zur "Krise" der 1970er aus der subjektiven Sicht Beteiligter in der Schweiz? Und wie erinnerten sich Beteiligte an die damaligen Anfänge in den darauffolgenden Jahrzehnten bis zur Gegenwart?

Meine exemplarischen Beispiele stammen aus der Neuen Frauenbewegung, der autonomen Jugendbewegung und dem breiteren Umfeld der Neuen Linken, decken verschiedene Schweizer Schauplätze ab und ermöglichen dabei nicht zuletzt eine Verortung der Schweizer Neuen Linken in transnationalen Zusammenhängen. Um der Verflechtung von kollektiver Eigendynamik, subjektiver Relevanz und retrospektiver Erinnerung gerecht zu werden, kombiniere ich zeitgenössische Ephemera und Erfahrungsartikulationen aus den behandelten Gruppierungen mit selbst durchgeführten Oral History-Interviews. Mit der Historisierung alltagsnaher Versuche radikaler Veränderung schliesst mein Promotionsvorhaben eine Forschungslücke, welche für die Schweiz in besonderem Mass besteht, da für die Nachfolgebewegungen zu 1968 kaum überregionale Forschungen vorliegen, die einen systematischen Ansatz verfolgen.

 

Bildnachweis: Privatarchiv Salecina

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