
Dietikon, Kriens, Ostermundigen, Vernier: Im Umland von Schweizer Städten haben sich vormalige Bauerndörfer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Agglomerationsgemeinden verwandelt. Diese Suburbanisierung ist eine zentrale Veränderung in der Schweizer Nachkriegsgeschichte. Der Anteil der Schweizer Bevölkerung, welcher in den Agglomerationen lebte, wuchs rasant. Dem entgegengesetzt ist die Erforschung der Agglomerationen in der Schweizer Geschichtswissenschaft selten und wenig systematisch. Negative Konnotationen und eine schwache Differenzierung im öffentlichen Diskurs führen dazu, dass die «Agglos» geschichts- und gesichtslos erscheinen. Mit der Suburbanisierung verbundene Phänomene wie erhöhtes Verkehrsaufkommen, Zersiedelung der Landschaft durch die «Hüslischweiz» oder fehlende resp. misslungene Ortsplanungen prägen die Debatten und stecken das bisherige Forschungsfeld ab.
Das Dissertationsprojekt interessiert sich hingegen für die Bewohner*innen der «Agglos». Der Fokus liegt bei den Menschen, welche neu in die Agglomerationsgemeinden zogen, die als Alteingesessene die Umbrüche miterlebt haben und denjenigen, die in der Agglomeration aufwuchsen. Anstelle von statistischen Definitionen oder der Sichtweise von Städte- und Raumplaner*innen verstehe ich die Agglomeration als Sozialraum. Ich untersuche, wie die Bewohner*innen ihre Lebensumgebung wahrnehmen und gestalten, analysiere ihre Vorstellungen von Heimat und der Schweiz und frage, ob und wann sich so etwas wie eine «Agglo-Identität» herausgebildet hat und wie diese Lebensform die Schweiz nach 1945 prägte. Hierfür stütze ich mich auf ein vielseitiges Quellenkorpus. In Selbstzeugnissen, Gerichtsakten, Zeitungsartikeln sowie durch die Sekundäranalyse von Oral History-Interviews und Sozialdaten kommen die Bewohner*innen der Agglomerationen zu Wort. Viele Quellen liegen in Gemeinde- und Ortsarchiven.
Das vorliegende Projekt erforscht somit einen bisher nicht beachteten Teil der Schweizer Nachkriegsgeschichte, schliesst eine Forschungslücke und bearbeitet bisher unbeachtete Quellenbestände. Es trägt zudem zu einer historischen Fundierung von aktuellen Fragestellungen bei. Antworten auf gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen wie der Klimakrise, der Wohnungsfrage oder dem sozialen Zusammenhalt werden nämlich vermehrt in der Agglomeration verortet.