Interdisziplinärer Workshop für Nachwuchsforscher  

Veranstalter: Bianca Hoenig (Basel) / Hannah Walde (Manchester)

Datum, Ort: 19.10.2012-21.10.2012, Basel

Tagungsbericht von: Benedikt Tondera, Historisches Seminar, Leibniz Universität Hannover. Der Tagungsbericht auf der HSK Webseite.
E-Mail: <benedikt.tondera@clutterhist.uni-hannover.de

Ausführliche Information & the english version of the conference pdf

Das Programm des Workshops finden Sie hier.

Der Begriff des „Sehnsuchtsortes“ eröffnet reiche Assoziationsfelder, die in den Kultur- und Sozialwissenschaften insbesondere für den mittel- und osteuropäischen Raum noch kaum erschlossen wurden: Welche Regionen ziehen die Menschen an, was macht sie zu touristischen Magneten und wodurch beflügeln sie die Phantasie ihrer Besucher? In welcher Weise verschränken sich in Sehnsuchtsorten Gegenwart und Vergangenheit bzw. Realität und Fiktion? Wie verhalten sich deren Einwohner zu Besuchern und was unternehmen bestimmte Regionen, um ihren Status als Sehnsuchtsort auszubauen? Mit derartigen Fragen befasste sich der Workshop „Eden für jeden? Touristische Sehnsuchtsorte in Mittel- und Osteuropa vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“, der vom 19.–21. Oktober 2012 an der Universität Basel stattfand. 

In ihren Begrüßungsworten verwiesen die Organisatorinnen BIANCA HOENIG (Basel) und HANNAH WADLE (Manchester) darauf, dass die Begriffe „Sehnsuchtsorte“ und „Osteuropa“ sowohl im öffentlichen Bewusstsein als auch in der Forschung nur selten zusammen gedacht werden, weil die gängigen Klischees über „den Osten“ eher die wirtschaftliche Rückständigkeit und die politische Instabilität in den Blick nähmen. Dabei besitze „Sehnsucht“ wegen der vielfältigen politischen Verwerfungen und Grenzverschiebungen als Schlüsselmotiv für das Handeln der Menschen in Osteuropa eine zentrale Bedeutung und sei Motor für einen Tourismus, der in vielen Staaten insbesondere im 20. Jahrhundert eine zentrale Bedeutung eingenommen habe. Hoenig und Wadle plädierten dafür, den Tourismus in diesem Raum als interdisziplinäres Forschungsfeld ernst zu nehmen, da er nicht nur Auskünfte über die sich wandelnden staatlichen Vorstellungen vom guten Leben geben könne, sondern auch über die Wünsche der dort lebenden Menschen. 

Gleich im ersten Panel des Workshops über die Schaffung von Sehnsuchtsorten stellten dabei AXEL ZUTZ (Berlin) und OANA IVAN (Canterbury/Cluj Napoca) unter Beweis, wie vielfältig die Herangehensweise an dieses Thema sein kann. Der Landschaftsarchitekt Zutz befasste sich mit dem Senftenberger Seengebiet als staatlich gestaltete Erholungslandschaft der DDR und hob dabei die ideengeschichtlichen Ursprünge hervor, die der Umgestaltung des ehemaligen Bergbaugebiets zugrunde lagen. In der Planungs- und Entstehungsphase des Seengebietes in den 1960er- und 70er-Jahren wurden dabei bereits zu Zeiten des Nationalsozialismus erarbeitete Konzepte der staatlich gelenkten Re-Kultivierung vormals industriell genutzter Landstriche von den Landschaftsplanern der DDR wieder aufgegriffen und sozialistisch uminterpretiert. Die Schaffung der künstlichen Seenlandschaft wurde als ästhetische und ökologische Wiederherstellung eines durch den Raubbau des Kapitalismus ausgezehrten Gebiets hochstilisiert. Zugleich diente das riesige, 1100 Hektar umfassende Erholungsgebiet für zehntausende Beschäftigte im Braunkohletagebau als Urlaubsort und ließ sich dadurch in die staatliche Freizeitpolitik integrieren. Einen gewissermaßen umgekehrt gelagerten Fall präsentierte die Anthropologin Ovana Ivan am Beispiel des rumänischen Fischerdorfes Sfantu Gheorge, das sich im Donaudelta befindet. Die vormals in erster Linie durch traditionelle Fischerei geprägte Region erlebte während der sozialistischen Herrschaft durch intensive Landwirtschaft, industrielle Fischereimethoden und Tourismus einen Strukturwandel, der sich nachteilig auf das empfindliche Ökosystem auswirkte. Erst seit das Donaudelta 1991 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, kehren die dortigen Dörfer wie Sfantu Gheorge wieder zu traditionellen Fischereimethoden zurück, die nun allerdings vorwiegend dazu dienen, die Nachfrage städtischer Touristen nach „authentischem“ Dorfleben und unberührter Natur zu bedienen. 

Während Ivan als Anthropologin für ihre Arbeit auf eine Fülle von selbst geschossenen Fotos und Interviews mit den Dorfbewohnern zurückgreifen kann, verwies CHRISTIAN NOACK (Amsterdam) in seiner key note speech auf das grundlegende Quellenproblem, mit dem nahezu alle Tourismushistoriker zu kämpfen haben: Es mangele an geeignetem Bildmaterial und an Dokumenten, die Auskunft über alltägliche touristische Erfahrungen geben. Neben aufwendiger Recherchearbeit sei es daher notwendig, möglichst innovativ mit dem vorhandenen Material umzugehen. Noack machte anhand von Privatfotos sowjetischer Touristen sowie Bildern aus offiziellen Reiseprospekten konzeptionelle Vorschläge für eine „visual history“ des Tourismus. Es gelte, analytisch die in diesen Quellen versteckten Hinweise auf spezifische Hierarchisierungen und Bedeutungsebenen innerhalb des Tourismus zu ermitteln, etwa was das Verhältnis vom Zentrum zur Peripherie, den Umgang mit Geschichte oder die Sichtweise auf Natur und Landschaften betreffe. 

Um eine spezifische Form touristischer Bilder ging es auch im zweiten Panel zu „pluri-valenten Orten“, mit dem der zweite Tag des Workshops eingeleitet wurde. FRAUKE WETZEL (Siegen) befasste sich mit der tschechischen Stadt Ústí nad Labem (ehemals Aussig) und verglich den Blick deutscher Heimwehtouristen auf ihre „verlorene Heimat“ nach 1945 mit dem Bild, das die neue tschechoslowakische Führung von der industriell geprägten Stadt in offiziellen Reiseführern vermittelte. Dabei verdeutlichte Wetzel, dass die Auseinandersetzung mit Ústí nad Labem sowohl für die ehemaligen als auch für die neuen Bewohner in erster Linie als Mittel zur Reflexion über die eigene Identität diente. Während die deutschen Besucher sich nur langsam und widerwillig mit den neuen politischen Verhältnissen abfanden und die Vorkriegszustände idealisierten, bemühte sich die sozialistische Stadtverwaltung darum, die Vorgeschichte der Stadt in der Außendarstellung zu marginalisieren und die Erfolge der Industrialisierung hervorzuheben. Divergierende Wahrnehmungsmuster thematisierte auch ISABEL SCHLERKMANN (Basel), die über Kazimierz als „historischen Deutungsort“ sprach. Sie hatte westliche Besucher des jüdischen Viertels von Krakau darum gebeten, ihre Eindrücke von dem Stadtteil zeichnerisch festzuhalten. Dabei habe sich gezeigt, dass die touristische Wahrnehmung stark überlagert sei von medialen Repräsentationen jüdischen Lebens und insbesondere des Holocausts. Wissen um die Spezifika der jüdischen Kultur und Geschichte in Kazimierz sei dagegen kaum vorhanden. Dennoch habe der zeichnerische Zugriff es ermöglicht, die Touristen zu Gesprächen über das jüdische Leben in Krakau zu motivieren. 

In den folgenden zwei Panels standen dann touristische Interaktionen zwischen „Ost“ und „West“ im Mittelpunkt. BENEDIKT TONDERA (Hannover) und TOBIAS WUNSCHIK (Berlin) stellten am Beispiel der Sowjetunion und der DDR dar, wie der „Westen“ als Sehnsuchtsort ungeachtet des Kalten Krieges für die Bewohner der Warschauer Pakt-Staaten eine wichtige Rolle spielte. Tondera betrachtete dabei die Entstehung des sowjetischen Westtourismus in den 1950er-Jahren als Folgeerscheinung des „Tauwetters“ und der Aufbruchsstimmung innerhalb der Sowjetunion angesichts von Erfolgen in der Raumfahrt und der Waffentechnik. Der Auslandstourismus sei in dieser Hinsicht auch Zeichen eines gestiegenen Selbstbewusstseins gewesen, das nach Jahren der feindlichen Isolation vom „bourgeoisen Westen“ die Öffnung ermöglichte. Allerdings habe die sowjetische Führung schnell feststellen müssen, dass die ins westliche Ausland entsandten Touristen sich nicht ohne weiteres in das staatliche Propagandakonzept einpassen ließen und die Auslandsreisen sich somit aus Sicht der Parteiführung als zweischneidiges Schwert erwiesen. 

Eine andere Form der Annäherung an den Westen beschrieb Tobias Wunschik. Er berichtete über den Sachsenring im Bezirk Chemnitz, der von 1961 bis 1972 Teil der internationalen Motorrad-Weltmeisterschaft und damit für westliche Motorsportler geöffnet war. Der Sachsenring war daher auch ein Ort, an dem DDR-Bürger ihre Begeisterung gegenüber den westlichen Rennprofis und ihren technisch raffinierten Motorrädern offen artikulieren konnten. Derartige Sympathiebekundungen waren der SED-Führung ein Dorn im Auge, und als 1971 die Zuschauer entlang der gesamten Rennstrecke zu Ehren eines Siegers aus der Bundesrepublik die westdeutsche Nationalhymne anstimmten, leitete dies das Ende der internationalen Rennen auf dem Sachsenring ein. 

Das vierte Panel beschäftigte sich mit dem „Osten“ als Sehnsuchtsort. JAMES KORANYI (Durham) präsentierte rumäniendeutsche Reiseführer aus den Jahren 1970 bis 1990, die sich an nach Deutschland ausgewanderte Rumäniendeutsche richteten. In diesen Reiseführern sei ein idyllisches, ländliches Bild von Rumänien präsentiert worden, das die massive Industrialisierung in den größeren Städten weitgehend ausblendete. Grund hierfür sei laut Koranyi zum einen der Wunsch gewesen, das Image Rumäniens im Ausland aufzupolieren und den ausgewanderten Rumänen einen positiven Entwurf ihrer Heimat zu präsentieren. Darüber hinaus seien die vom Verlagshaus „Neuer Weg“ publizierten Reiseführer aber gleichzeitig Ausdruck eines Eskapismus gewesen – man wandte sich ab von den industriell geprägten sozialistischen Zukunftsentwürfen einer romantisierten Gegenwelt zu. RALF MEINDL (Berlin) beschrieb, wie die deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg die „verlorene Heimat“ als Erinnerungsort überhöhten. Während sie in der westdeutschen Gesellschaft um Anschluss kämpften, verklärten sie die ehemaligen deutschen Ostgebiete zu vormodernen ländlichen Idyllen fernab politischer Grabenkämpfe und sozialer Verwerfungen. Als sich die Grenzen nach Osten ab den 1970er-Jahren langsam öffneten, erlebten die „Heimwehtouristen“ einen regelrechten „Realitätsschock“. Die Konfrontation mit den wahren Verhältnissen in der ehemaligen Heimat setzte eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität in Gang, die laut Meindl durchaus positive Folgen nach sich zog: Immer mehr Vertriebene und Flüchtlinge akzeptierten ihr Schicksal und setzten im Verhältnis zu den neuen Einwohnern der ehemaligen Ostgebiete vermehrt auf Kooperation statt auf Konfrontation. 

Um die Suche nach neuen nationalen Identitäten in Phasen der Transformation ging es schließlich auch im letzten Panel. EVA POSCH (Graz) zeigte anhand von offiziellen staatlichen Werbebroschüren aus der Slowakei und dem Internetportal des rumänischen Fremdenverkehrsamtes in Wien, wie mit Mitteln „touristischer Historiographie“ Narrative an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden, die ein idealisiertes Geschichtsbild der Nationswerdung transportierten. Dabei stünde ein „romantisches“ Nationskonzept im Vordergrund, das – konträr zu den realen Verhältnissen – auf der Annahme der sprachlichen, religiösen und ethnischen Uniformität der Bevölkerung beruhe. Posch interpretiert diese Form der Außendarstellung allerdings nicht in erster Linie als Geschichtsklitterung, sondern sieht sie vielmehr als Manifestation eines „nationalen Sehnsuchtsortes“, der aus dem gesellschaftlichen Diskurs entstehe und dessen Gestalt abhängig von aktuellen Entwicklungen sei. CORINNE GEERING (Bern, Fribourg) stellte mit Kischi und den Solowezki-Inseln zwei russische Orte vor, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Ähnlich wie Posch beschäftigte sich Geering mit der Frage, welches Geschichtsbild den Werbeprospekten und den Erläuterungstafeln zu den Ausstellungsorten zu entnehmen ist. Sie vertrat dabei die These, dass die dem Besucher vermittelten Narrative darauf abzielen, den Eindruck von historischer Stabilität und einer „Zeitlosigkeit“ zu erwecken. Geschichte erscheine hier nicht als fortlaufender Wandel, sondern als Kontinuum stabiler Zustände. Diese Zuschreibung prädestiniere diese Orte dazu, als russische „Identitätsanker“ in Zeiten des politischen Wandels zu dienen. Abschließend befasste sich TATJANA HOFMANN (Zürich) mit der Krim als literarischem (Nicht-)Sehnsuchtsort. Sie zeichnete dabei die Entwicklung verschiedener Krim-Entwürfe europäischer Autoren seit dem 18. Jahrhundert nach, die zwischen multikultureller Romantik und kolonialer Aufklärung changierten. Im 20. Jahrhundert habe die „Krim“ dann vor allem im sowjetischen Raum als Sehnsuchtsort fungiert, weil sie das „Andere der Sowjetunion“ repräsentiert und auch nach 1991 als Gegenentwurf zum postsowjetischen Moskau funktioniert habe. Im ukrainischen Diskurs habe die Krim dagegen insbesondere seit dem Zerfall der Sowjetunion eher die Rolle eines Nicht-Sehnsuchtsortes angenommen, der mit pervertierter Sexualisierung und touristischer Kommerzialisierung assoziiert werde. 

Der Workshop wurde am folgenden Tag abgeschlossen mit der kritischen Diskussion theoretischer Texte zum Tourismus aus der Anthropologie und der Geschichtswissenschaft sowie einer Einschätzung zu dem heuristischen Mehrwert des methodischen Zugriffs auf touristische Forschung über osteuropäische „Sehnsuchtsorte“. Insgesamt war festzustellen, dass sich ungeachtet des breiten Themenspektrums und der interdisziplinären Herangehensweise einige übergreifende Problemschwerpunkte in den Workshop-Vortägen herauskristallisierten, die auf eine mögliche Systematisierung des Tagungsthemas verweisen: Erstens handelt es sich bei Sehnsuchtsorten um diskursiv konstruierte Vorstellungsräume, denen für verschiedene gesellschaftliche Gruppen die Rolle einer idealisierten Gegenwelt zukommt. Diese Vorstellungsräume werden auf real existierende Orte projiziert, unabhängig von den tatsächlich dort vorherrschenden Zuständen. Daraus resultiert ein Spannungsverhältnis zwischen Wunschvorstellung und Realität, das für den Tourismus insgesamt, aber auch für private Reisen charakteristisch ist. Zweitens sind verschiedene gesellschaftliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen an der Konstruktion von Sehnsuchtsorten beteiligt: Nationalstaaten betreiben damit Geschichtspolitik und ähnlich wie privatwirtschaftliche Akteure haben sie ein wirtschaftliches Interesse daran, Touristen ins eigene Land zu locken. Für Migranten dienen Sehnsuchtsorte als kollektive Erinnerungsorte und Identitätsanker. Darüber hinaus existiert ein künstlerischer Diskurs zu Sehnsuchtsorten, der nicht selten quer zu jenem der oben genannten Akteure verläuft. Aus diesem Grund sind Sehnsuchtsorte per se heterogene und umstrittene Gebilde, deren Gestalt permanent gesellschaftlich ausgehandelt wird. Drittens verweisen Sehnsuchtsorte auf kollektive Vorstellungen vom „guten Leben“, die in vielen Fällen vergleichbare romantisierende Grundelemente enthalten. Dazu zählen idyllische, unberührte Landschaften, vorindustrielle Formen des Wirtschaftslebens und gesellschaftlicher Zusammenhalt fernab politischer Grabenkämpfe. Sehnsuchtsorte haben insofern utopischen Charakter, sie dienen als Zufluchtsort vor dem steten Wandel und den Zumutungen der Moderne. Im sozialistischen Osteuropa kam ihnen zudem die Rolle als Gegenentwurf zur politisierten und technisierten Gesellschaft zu. 

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Arbeit mit Sehnsuchtsorten einen guten Ansatz für die noch immer in den Kinderschuhen steckende historische und anthropologische osteuropäische Tourismusforschung bietet. Er hat sowohl die Intentionen und Motivationen der Touristen als auch deren Interaktion mit den Reisedestinationen im Blick. Vor allem zwingt die Beschäftigung mit Sehnsuchtsorten dazu, sich mit den Vorstellungswelten der Reisenden zu befassen und nicht nur auf die insbesondere im sozialistischen Osteuropa dominierende Rolle des Staates bei der Reiseorganisation zu verweisen. Eine Publikation der Ergebnisse des Workshops in Form eines Sammelbandes ist geplant.