/ People

Prof. Dr. Martin Schaffner (1940 – 2025) – Nachruf

Martin Schaffner

Das Departement Geschichte trauert um Prof. Dr. Martin Schaffner-Hartmann, von 1986 bis 2005 Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und 2000-2001 Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität. Martin Schaffner ist am 9. Dezember 2025 in seinem 86. Lebensjahr in Basel verstorben.

Martin Schaffners letztes Buch handelt von einem Hochtal in den Schweizer Alpen. In einundzwanzig Miniaturen wirft «Talgeschichten» Schlaglichter auf das Leben im Urserntal, auf Bräuche und Konflikte, die Menschen vereinen und entzweien, auf Formen der Arbeit, die sie voneinander unterscheiden. Diese Themen, so bemerkte sein Autor nach Erscheinen des Buches, würden den Menschen nahegehen. Ihm selbst wiederum seien «hoch gelegene Weiden, Felsformationen, Schneeflächen, Wasserbäche und Wetterwechsel vertrauter geworden». Wie ein Vermächtnis erscheint heute dieser Band, der beispielhaft zeigt, was das Werk des Historikers Martin Schaffner prägte: ein ebenso neugieriger wie sorgsamer Blick auf die Menschen und ihre Verhältnisse untereinander und zur Natur. 

Nichts war diesem Blick zu gering oder unauffällig, um nicht als Sonde in die Vergangenheit zu dienen. Auch nicht der Tod eines jugendlichen Schafhirten, der im Jahr 1888 bei Andermatt zu Tode stürzte. Es hingen an diesem Tag Nebel über dem Tal und Neuschnee lag auf den Hängen, später brachte man den Namen des Jungen auf der Aussenwand einer Kapelle an, wo Martin Schaffner ihn entdeckte. Er war keiner, der an solchen kleinen Dingen vorbeiging. Er hielt inne, folgte Spuren ins Archiv und stellte sich die Frage, was an dieser Inschrift für die Zeitgenossen und was an der Geschichte des Schafhirten für uns Heutige bedeutsam sein könnte.

Dieser Zugang prägte das Werk des Basler Historikers, für den Geschichte «im Verhältnis zu den Fragen der Gegenwart» existierte, um eine Formulierung des französischen Althistorikers Paul Veyne aufzugreifen. Davon zeugt eine weitere Essaysammlung, die 2020 unter dem Titel «Furcht vor dem Volk» erschien und mit der Martin Schaffner für historisches Bewusstsein in aktuellen Auseinandersetzungen über Demokratie plädierte: Wie könnte man demokratische Verhältnisse in der Gegenwart weiter entwickeln ohne Wissen über die Konflikte, die namentlich die politische Sprache aus einer andern Zeit mit sich führt? Auch das zeichnete diesen Historiker aus: Dass ihm historisches Bewusstsein Ausgangspunkt für Zukunftsmöglichkeiten war. 

Mit diesem Buch zur Demokratiegeschichte knüpfte Martin Schaffner an seine Dissertation von 1972 an, worin er die Lebensformen der Basler Arbeiter und Arbeiterinnen im 19. Jahrhundert untersucht hatte. Er orientierte sich dazu an der damals neuen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die die traditionelle, auf politische Ereignisse verpflichtete Geschichtsschreibung um gesellschaftliche Fragen ergänzte. Zehn Jahre später erschien seine Habilitationsschrift zur demokratischen Bewegung der 1860er-Jahre am Beispiel der Zürcher Volksbewegung von 1867. 

Beide Bücher lassen Martin Schaffner als Schweizer Historiker mit einem stark lokalen Bezug erscheinen, doch dieser Eindruck täuscht. Nach der Habilitation wandte er sich der Geschichte Irlands zu. Besonders interessierte ihn die Situation der ländlichen Bevölkerung während der grossen Hungersnot von 1845–1849. Weiterhin lag ihm aber die Geschichte seiner eigenen Lebenswelt nahe: Unter seiner Verantwortung entstanden zahlreiche Studien und Projekte wie die Geschichte des Kantons Basel-Landschaft oder zur Situation psychiatrisierter Menschen in Basel um 1900.

In allen seinen Arbeiten suchte Martin Schaffner den Austausch mit anderen Fächern; insbesondere war er ein herausragender Kenner der angelsächsischen und französischen Sozial- und Kulturanthropologie. Von ihr bezog er vielfach Anregungen zur Erforschung sozialer Strukturen und Machtverhältnisse aus der Perspektive der menschlichen Erfahrung und ihrer sprachlichen Vermittlung. Im deutschen Sprachraum etablierte die 1992 gegründete Zeitschrift «Historische Anthropologie» diese neue Ausrichtung der Sozialgeschichte, die Martin Schaffner als langjähriger Mitherausgeber massgeblich prägte. Stets beschäftigte ihn dabei nicht so sehr deren Institutionalisierung als vielmehr, wie sie offen und beweglich bleiben konnte. 

Überhaupt interessierte Martin Schaffner wenig, was man gemeinhin wissenschaftlichen Erfolg nennt. Lieber stellte er heute in Frage, was er gestern gedacht hatte. So war er denn auch einer der ersten Historiker, der sich in den 2000er Jahren mit aller Konsequenz auf die Kritik an der Menschenzentriertheit der Sozial- und Kulturwissenschaften einliess, wie sie insbesondere die französische Anthropologie auf theoretisch anspruchsvolle Weise formulierte. Sie prägte sein letztes, langjähriges Forschungsprojekt zum Urserntal, für das er eine methodologisch wegweisende Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften und der lokalen Bevölkerung aufnahm.

Selbstverständlich war für Martin Schaffner, dass das historische Wissen, das aus dieser Zusammenarbeit entstand, allen zugänglich sein musste; jene Essays, die gesammelt in seinem letzten Buch «Talgeschichte» vorliegen, veröffentlichte er deshalb vorab in der Urner Presse. Auch mit seinen andern Schriften wandte er sich nicht nur an ein akademisches Publikum. Seine Veröffentlichungen verstand er stets als Beiträge zur Verständigung über ein Gemeinwesen, das allen offen stehen und an dem alle teilhaben können sollten. Auch deshalb legte er Wert auf eine gleichermassen präzise und prägnante Sprache, die von keinem Jargon und keiner ästhetischen Mode belastet und deshalb von grosser Eleganz ist. 

Als Professor, der 1986 an die Universität Basel berufen wurde, prägte er, der ein ebenso behutsamer wie genauer akademischer Lehrer war, Generationen von Studierenden; vielen blieb er weit über ihre Studienzeit hinaus ein verbindlicher und verlässlicher Gesprächspartner und Ratgeber. Sein Engagement für die Universität, namentlich als Dekan der Philosophisch-historischen Fakultät von 2000 bis 2001 und nach seiner Emeritierung als Ombudsmann der Universität, war von einer grossen institutionellen Klarsicht und Ernsthaftigkeit geprägt. Im Zentrum standen für ihn allerdings stets die Zusammenarbeit und das Zusammensein mit Menschen ausserhalb der Institutionen und die Überzeugung, dass Denken am besten im Modus der Freundschaft gedeiht und Zuhören dafür Voraussetzung ist. 

Martin Schaffner war zusammen mit seiner Gattin Sabine Schaffner-Hartmann ein begeisterter Berggänger bis ins hohe Alter. Wer auch immer sich auf einen Berg wagt, der braucht eine Begleitung, die ihn schützt und unterstützt. Dies entsprach seinem Charakter als auch den Menschen im Urserntal, die er kannte und denen er sich verbunden fühlte: Nüchtern, pragmatisch, verschwiegen und überaus zuverlässig. Und wer einen Berg besteigt, darf weder eitel, egoistisch noch eingebildet sein. All dies war Martin Schaffner fremd. Er fehlt uns sehr. 

Caroline Arni und Claudius Sieber-Lehmann 

(Eine gekürzte Version dieses Nachrufs erschien am 20. Januar 2026 in der BaZ.)

Nach oben