Alter und Altern ist in den letzten Jahrzehnten zu einem wichtigen Thema (nicht nur) in der historischen Forschung avanciert.  Die zunehmende Veränderung unserer demographischen Strukturen in den sogenannten «westlichen Gesellschaften» führt in vielen Feldern zu intensiven Debatten und Forschungsaktivitäten. Allerdings gilt dies nicht im selben Mass für die Frühneuzeitforschung. Hier nun setzt das vorliegende Forschungsprojekt an. Mit dem Fokus auf den umfangreichen Tagebüchern einer gutsituierten und gebildeten Basler Bürgerin, der Iselin Tochter Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758-1840), wird dabei nicht nur eine «Innensicht» auf das Altern in einer eher «jungen» Bevölkerung und Gesellschaft möglich, sondern dies erfolgt auch aus einer dezidiert weiblichen Sicht. Das Projekt will in einer historisch-anthropologischen Perspektivierung Phänomenen der Wahrnehmung und Beschreibung von Alterungsprozessen des Körpers wie des Geistes (zu denen Krankheitserfahrungen, Trauer, Konflikte mit der Familie, Witwenschaft etc., aber auch Erinnerung und Selbstreflexion gehören) untersuchen und diese in einen breiteren Kontext stellen, u.a. durch den Vergleich mit weiteren (v.a. Schweizer) Selbstzeugnissen derselben Zeit aus weiblicher Feder, aber auch mit Rückgriff auf bereits publizierte Forschungsergebnisse im Hinblick auf Alter und Altern in der Gesellschaft der Vormoderne.

Quellenlage:

Als Hauptquelle dienen die Tagebücher der Anna Maria Preiswerk-Iselin, die sie zwischen 1795 und 1839 verfasst hat. Des Weiteren existieren im Privatarchiv der Familie Preiswerk-Iselin sowie in anderen Privatarchiven (etwa im PA Vischer) im Staatsarchiv Basel-Stadt Briefe und weitere Selbstzeugnisse der Anna Maria Preiswerk-Iselin. Diese umfassen vor allem ihre späten Lebensjahren, aber auch Quellen aus der Feder ihrer Kinder und Enkelkinder über die (Gross)Mutter und deren Werk und Wirkungen innerhalb der Familie und darüber hinaus. Diese Quellen sollen für die Studie im Weiteren noch erschlossen und mit herangezogen werden.

Forschungsstand:

Alter und Altern in der Frühen Neuzeit

Die Erforschung von Alter und Altern fand für die Frühe Neuzeit (anders als für das Mittelalter und die Moderne) bisher nur sehr spärlich statt. Dies liegt unter anderem an der Komplexität des Forschungsgebiets, denn in der Frühen Neuzeit gibt es nur weniger eindeutige und regional, konfessionell oder kulturell (etwa im Blick auf städtische oder ländliche Institutionen und Praktiken) höchst unterschiedliche Formen von «Altersversorgung» und Altersarmut. Diese Thematik wurde bisher hauptsächlich in der englischsprachigen Forschung behandelt und bezieht sich meist auf englische (bisweilen auch auf französische) Verhältnisse und Entwicklungen. Studien zum deutschsprachigen Raum sind hier noch deutlich unterentwickelt.

Altern aus historisch-anthropologischer und aus weiblicher Sicht

Forschung über ältere Frauen in der Frühen Neuzeit, ebenso wie über Altersarmut und soziale Probleme dieser Frauen, findet sich meist in Studien über Witwenschaft. Jedoch stehen hier meist Fragen der rechtlichen oder sozialen (Minder-)Stellung, bisweilen aber auch der besonderen Machtstellung von verwitweten (besonders adligen) Frauen im Vordergrund, weniger aber deren Erfahrungen mit Altern, Krankheit und schliesslich Tod.

Weibliche Selbstzeugnisse

In letzter Zeit hat sich die Forschung vermehrt mit den (seltenen) weiblichen Selbstzeugnissen beschäftigt und diese zum Beispiel im Hinblick auf Religiosität, Krankheitserfahrungen, Liebes- und Ehebeziehungen oder auch auf andere Familienbeziehungen hin untersucht. Dies gilt auch für weibliche Selbstzeugnisse aus Schweizer Städten, wie etwa die Tagebücher der Basler Pfarrersfrau Ursula Bruckner-Eglinger, die diese von 1816-1833 führte, oder diejenigen der Zürcherinnen Anna Pestalozzi (1738-1815) und Regula von Orelli-Escher (1757-1829). Die Erforschung von Alterserfahrungen hat in diesem zeitlichen und örtlichen Rahmen bisher allerdings praktisch keine Rolle gespielt. Dies gilt auch für die (bislang unpublizierten) Tagebücher der Anna Maria Preiswerk-Iselin (1758-1840). Esther Baur-Sarasin hat diese jedoch im Hinblick auf weibliche Identität und der Perspektive auf Zeitgeschehen und spezifisch bürgerlicher Formen der Selbstdarstellung und Wahrnehmung untersucht.

Bildnachweis: Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG B 847, Foto: Alexandra Tschakert, Titel: Abtei und Landgut St. Apollinaris, Glasnegativ einer Federzeichnung von Emanuel Büchel (1756)