Zu Beginn der 1670er Jahre fürchtete der Wiener Hof ernsthaft darum, die Kontrolle über das von ihm seit 1526 regierte Königreich Ungarn zu verlieren: Grund hierfür waren eine Reihe von Aufständen, welche insbesondere im Grenzgebiet zum benachbarten Osmanischen Reich für Chaos und Unruhe sorgten. Die Aufstände gaben der Wiener Obrigkeit ab Frühjahr 1670 Anlass dazu, gründliche Untersuchungen gegen die nachweislich beteiligten Untertanen einzuleiten: Grosse Teile der ungarischen Ständegesellschaft gerieten in den Fokus der Behörden und sahen sich scharfen Sanktionen und Strafmassnahmen ausgesetzt. Um vom Vorwurf der Rebellion loszukommen, gab es für die vor die Obrigkeit zitierten Ständeangehörigen nur eine Möglichkeit: Sie mussten ihre Loyalität gegenüber dem Haus Habsburg wiederherstellen und zu diesem Zweck ihre Distanz zur breiten Masse der Aufständischen aufzeigen.

Die Rebellion der Stände war also aktiver Verhandlungsgegenstand. Doch inwiefern gelang es den Angeklagten, ihre Loyalität unter Beweis zu stellen? Was erwartete die habsburgische Regierung wiederum von ihren der Abtrünnigkeit bezichtigten Untertanen? Um diese Fragen zu klären, geht das Dissertationsprojekt im Detail den vielfältigen Dialogen nach, die sich zwischen Obrigkeit und Angehörigen der ungarischen Stände angesichts der Bemühungen um die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung auftaten. Untersucht wird ein reger Diskurs um das Wesen von Rebellion (rebellio) und Herrschertreue (fidelitas).

In der Forschung zu Protest und Konflikt in der Frühen Neuzeit liegen bislang nur wenige Studien vor, die das «Nachhinein» von Episoden ständischen Ungehorsams beleuchten. Dabei erlaubt die Untersuchung des Prozesses, in welchem die Obrigkeit in einem Klima der Unsicherheit darauf hinarbeitete, sich wieder der Loyalität ihrer Untertanen zu versichern, Phänomene wie Rebellion und Opposition näher zu bestimmen und Semantiken sowie Praktiken auszuloten, die aus Sicht der Autoritäten mit letzteren in Verbindung standen. Auf diese Weise versteht sich das Projekt in erster Linie als Beitrag zur Geschichte politischer Kriminalität in der Frühen Neuzeit, einem Forschungsfeld, dem im Rahmen sicherheitspolitischer Überlegungen in den letzten Jahren in der Frühneuzeitforschung vermehrt Aufmerksamkeit zukommt.

 Zur Analyse eines möglichst kohärenten Korpus an Diskursen um Rebellion und Herrschertreue stützt sich das Dissertationsprojekt auf eine breite Quellenbasis, die in verschiedenen Zentral-, Stadt-, aber auch Kirchenarchiven in Österreich, Ungarn und der Slowakei gesichtet wurde. Loyalitätsdiskurse konnten einerseits einer grossen Zahl an Suppliken sowie andererseits den Versammlungsprotokollen verschiedener Ständeformate entnommen werden. Die Aufforderung durch die Behörden, sich gegenüber konkreten Fällen von Rebellion zu äussern und distanzieren, sind Quellen administrativ-juridischer Natur zu entnehmen, in welchen der Wiener Hof im Rahmen seiner Ermittlungen schliesslich auch selbst Überlegungen zum Wesen von Aufstand und Abtrünnigkeit anstellte.