Quellenanalyse

Quellen, das heisst Zeugnisse aus der Vergangenheit, sind die Grundlage der Tätigkeit von Historikerinnen und Historikern. Sie ermöglichen Aussagen über die Vergangenheit und dienen deshalb als Belege für geschichtswissenschaftliche Arbeiten. Da jede Quelle eine ihr eigene Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte hat, wendet man das Verfahren der Quellenkritik an, um den Kontext der Quelle zu ergründen, bevor man zur Quelleninterpretation schreitet. Das Verfahren der Quellenkritik wurde ursprünglich für Textquellen erarbeitet, es kann aber in angepasster Form auch bei anderen Quellenarten wie Bildquellen oder Tondokumenten angewandt werden.

Quellenkritik

Quelleninterpretation

Umgang mit digitalisierten Quellen

Bildquellen

Oral History

Literatur zur Arbeit mit Quellen

Arnold, Klaus: Quellen als Fundament und Mittel historischer Erkenntnis, in: Goertz, Hans-Jürgen: Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, S. 42–58.

Beck, Friedrich: Die archivalischen Quellen : mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, Weimar 2012 (UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher).

Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers : eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, Stuttgart 1996 (Kohlhammer Urban-Taschenbücher. Geschichte/Kulturgeschichte).

Burkhardt, Martin: Arbeiten im Archiv : praktischer Leitfaden für Historiker und andere Nutzer, Paderborn 2006 (UTB).

Rusinek, Bernd-A.: Einführung in die Interpretation historischer Quellen : Schwerpunkt: Neuzeit, Paderborn 1992 (UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher).

Ad fontes. Lernangebot der Universität Zürich für Archivbesucherinnen und Archivbesucher und solche, die es werden wollen. Schwerpunkt liegt auf der Paläographie.

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Quellenkritik

Quellenkritik bezeichnet einen ersten Auswertungsschritt, der versucht, das nötige Hintergrundwissen zu erarbeiten, um die Zuverlässigkeit und den Aussagewert der Quelle für die eigene Fragestellung zu bestimmen.
 Die Leitfrage dabei lautet: "Unter welchen Umständen und mit welcher Absicht wurde die Quelle verfasst? Worüber kann sie Auskunft geben, worüber nicht? Welche Einfärbungen und Tendenzen sind zu erwarten?" Erst in Kenntnis dieser Faktoren kann die Quelle „zum Sprechen gebracht werden“.

Das Vorgehen der Quellenkritik ist in zahlreichen Einführungen in das Geschichtsstudium erläutert und zum Teil schematisch dargestellt. Im Folgenden wird die Vorgehensweise in Form einer Liste von Fragen zu verschiedenen Themen präsentiert. Eine Quellenkritik besteht aber nicht darin, diesen Fragekatalog vollständig abzuarbeiten. Einerseits sind gewisse Fragen schon durch die kritische Edition geklärt und können der Einleitung oder den Fussnoten entnommen werden. Andererseits sind nicht für jede Quelle und jede Fragestellung die gleichen Fragen von hoher Relevanz. Es ist zum Beispiel bei Urkunden von relativ geringer Bedeutung, welcher Kanzlist tatsächlich die Niederschrift übernahm, während Kontextwissen über die Verfasserin oder den Verfasser eines Tagebuchs unabdingbar ist für dessen Interpretation.

Überlieferung

  • Überlieferung: Wie ist die Quelle überliefert? Im Original oder in Abschriften, in welchem Archiv und welchem Bestand? Wurde die Quelle im Verlauf der Überlieferung verändert?
  • Echtheit: Ist die Quelle echt? Eine Fälschung ist nicht wertlos, sondern dient als Quelle über den Zeitpunkt der Fälschung (mit welchen Motiven wurde gefälscht?). 

Beschreibung der Quelle und des Umfeldes

  • Textsorte: Um welche Textsorte handelt es sich (amtliches Dokument, Brief, Chronik, Urkunde etc.)? Welche Funktion hat der Text?
  • Äussere Merkmale: Material und Format; ist die Quelle handgeschrieben oder gedruckt?
  • Autorschaft: Wer hat die Quelle verfasst? Was wissen wir über die Person(en)? In welcher Funktion hat die Person die Quelle verfasst? Berichtet sie als Augenzeugin oder als Zeitgenossin? Unterschieden wird zwischen dem „Horizont“ (was konnte sie wissen?) und dem „Standpunkt“ (was wollte sie berichten?) einer Person.
  • Entstehungszeit und Entstehungsort: Wann, wo und unter welchen Bedingungen wurde die 
Quelle verfasst? Undatierte Quellen können anhand von formalen (Handschrift, Papier) und inhaltlichen Kriterien ungefähr eingeordnet werden (Erwähnung von Ereignissen etc.).
  • Kontext: Wie wirkte sich das historische (soziale, politische, ökonomische) Umfeld auf die Entstehung der Quelle aus?
  • Zielsetzungen und Absichten: Welche praktischen Ziele und Intentionen liegen dem Text zugrunde, welche persönlichen Interessen fliessen in den Text ein?
  • Zielpublikum: An wen richtet sich der Text? Was ist über dieses Publikum zu erfahren?
  • Rezeption (vgl. Überlieferung): Was wissen wir über die Aufnahme, die Wirkung, 
die Verbreitung und Verarbeitung der Quellen im Lauf der Zeit?

Sprache und Inhalt

  • Sprachliche Vergegenwärtigung: Verstehe ich den Inhalt und die einzelnen Begriffe des Textes? Falls nicht: zeitgenössische und fachwissenschaftliche Lexika und Wörterbücher heranziehen.
  • Welche Personen, Institutionen und Sachverhalte werden in der Quelle erwähnt und was ist über diese bekannt? Personen finden sich insbesondere in biografischer Literatur.
  • Inhaltsangabe (nahe am Text bleiben, ohne zu interpretieren): Welches sind die Kernaussagen (in eigenen Worten formuliert)? Wie ist der Text gegliedert und aufgebaut? Welche Textstellen fallen besonders auf? Welche Passagen bleiben unklar?

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Quelleninterpretation

Die Quelleninterpretation versucht anschliessend an die Quellenkritik die Quelle im Hinblick auf die eigene Fragestellung zu nutzen. Es werden also jene Aussagen besonders untersucht, die im Zusammenhang mit der Fragestellung stehen. Dabei bildet das durch die Quellenkritik gewonnene Hintergrundwissen die Grundlage der Interpretation: So wird zum Beispiel zu erwarten sein, dass in einer im städtischen Auftrag verfassten Chronik die städtischen Autoritäten in ein möglichst gutes Licht gestellt werden. Die Quellenkritik dient also zur Prüfung, wie historisch haltbar die in der Quelle gefundene Aussage ist, und zur Einbettung der Aussage in den zeitgenössischen Kontext. Für eine fundierte Quelleninterpretation ist deshalb der Vergleich mit anderen Texten zentral, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Die Aussagekraft von Quellen kann folglich nur dann eingeschätzt werden, wenn andere Quellen und Fachliteratur beigezogen werden. Andere Quellen können die Aussage einer Quelle ergänzen, gar erklären. Sie können aber auch den Fokus auf andere Aspekte legen oder der Quelle regelrecht widersprechen – natürlich in begründeter Weise. Das Gleiche gilt für Quelleninterpretationen, die andere Forschende vorgenommen haben und in der Fachliteratur zu finden sind. Mit ihnen soll die eigene Interpretation konfrontiert werden und sich daran kritisch messen.

Das Interesse der Forscherin oder des Forschers am Text deckt sich oft nicht mit den Absichten, die mit der Entstehung des Textes verbunden waren und durch die Quellenkritik aufgedeckt werden. Entsprechend schwierig kann es sein, Antworten auf die eigenen Fragen zu finden. So können in einem Verhörprotokoll nebensächliche Bemerkungen von grösserem Interesse für die Fragestellung sein als die auf das eigentliche Vergehen bezogenen Aussagen der befragten Person. Die Quelleninterpretation ist deshalb auch eine Spurensuche nach verborgenen, impliziten Bedeutungen.

Zu diesem Zweck werden folgende Aspekte untersucht:

  • Schlüsselbegriffe: Welches sind die zentralen Begriffe im Text?
  • Sprache und Rhetorik: Tropen (Metaphern, Metonymien etc.), Figuren, Symbole, Fachausdrücke etc. 

  • Argumentationsmuster, Regelhaftigkeiten
  • Leerstellen, Lücken und Verneinungen: Was wird nicht erwähnt oder negiert? Für jeden Text gilt:
 Schreiben ist Schweigen.

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Umgang mit digitalisierten Quellen

In den letzten Jahren wurden mehr und mehr Quellen in digitaler Form zur Verfügung gestellt. Dadurch werden mehr Quellen greifbar, und die Historikerinnen und Historiker verbringen weniger Zeit im Archiv. Die Analyse dieser Quellen muss sich dabei aber nicht grundlegend ändern.

Die Digitalisierung ermöglicht aber auch neue Quellenanalysen, die nicht mehr auf klassischer Hermeneutik beruhen, sondern auf der (eventuell statistischen) Auswertung grosser, digital zugänglicher Textbestände. Diese Analysen werden unter dem Begriff der „Digital Humanities“ zusammengefasst.

Mögliche Analysen, die auf Methoden der Digital Humanities beruhen, sind etwa:

  • Suche nach Wörtern und Begriffen (Wortfeldanalyse, semantische Analysen, Text Mining). Diese Analysen sind dem schon länger entwickelten Gebiet der Computerlinguistik zuzurechnen.
  • Suche nach räumlichen Mustern dank Georeferenzierung und Darstellung in Kartenform.
  • Darstellung von Beziehungen in Form von Netzwerken und statistische Analyse derselben (historische Netzwerkanalyse HNA).
  • Simulation von historischen Prozessen in mathematischen Modellen.

Viele dieser Ansätze sind nicht völlig neu. Die Digitalisierung und die Entwicklung von spezialisierter Software machen sie aber viel einfacher, sodass sie nun breiten Kreisen von Forschenden zugänglich sind.

Elektronische Quellen - ob genuin digital entstanden oder nachträglich digitalisiert - sind jedoch nicht nur ein Gewinn, sie stellen mit ihrer Instabilität die Quellenkritik auch vor besondere Schwierigkeiten, da sie jederzeit und kaum nachweisbar verändert werden können. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass nicht digitalisierte Quellen zu einem Thema vernachlässigt werden, nur weil sie weniger einfach zugänglich sind.

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Bildquellen

Die Quellenkritik lässt sich nicht nur auf schriftliche Quellen, sondern auch auf nichtschriftliche Quellen wie Bilder anwenden. Die Untersuchung der Entstehung und Überlieferung der Quelle muss dabei an deren Eigenschaften angepasst werden. Dasselbe gilt für die Interpretation.

Bei der Beschreibung von Bildern müssen wir als erstes die Gattung berücksichtigen (Gemälde, Photographie, Karikatur etc.), das Format angeben, die Technik bestimmen (bei Malerei: Aquarell, Öl etc., bei Fotos: Farbdia, Daguerrotypie etc.) und über die Frage nach dem Original oder Art der Reproduktion nachdenken. Auch über die Überlieferung, die technischen und ökonomischen Produktionsbedingungen sollten wir uns informieren. Hilfreich ist bei der inhaltlichen Erschliessung von Bildern darüber hinaus das vom Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892-1968) entwickelte Verfahren, das zwischen vorikonografischer Beschreibung, ikonografischer Analyse und ikonologischer Interpretation unterscheidet.

Die vorikonografische Beschreibung richtet sich auf die Wahrnehmung und Identifikation von Gegenständen, Figuren und Motiven und ihres Ausdrucks. Voraussetzung ist das Allgemein- und Alltagswissen des Betrachters. Die ikononografische Analyse setzt vertiefte Kenntnisse der Quellen, der Motive und Stile voraus, so dass bestimmte Themen und Vorstellungen, bestimmte Motive oder Allegorien enthüllt werden können. Sie fragt nach der Komposition des Bildes (Vordergrund, Hintergrund, Zentrum, Perspektive, Licht und Schatten etc.) und setzt die einzelnen Teile bzw. Elemente des Bildes in Beziehung zu einander und zum Ganzen. Die ikonologische Interpretation soll die eigentliche Bedeutung oder den Gehalt des Kunstwerks im Kontext seiner Zeit erschliessen.

Beispiel: Beschreibung einer Karikatur

Vorikonografische Beschreibung

Im Vordergrund ist eine weibliche Gestalt, sie hat die Augen verbunden, in der Hand hält sie eine zerbrochene Waage. Im Hintergrund ist ein grosses Gebäude mit Kuppel, aus den Fenstern blicken zwei Frauen und fünf Männer und lachen. 


Ikonografische Analyse

Die Frau mit Waage symbolisiert die Iustitia (Gerechtigkeit). Das Haus im Hintergrund erinnert an das Bundeshaus in Bern; der siebenköpfige schweizerische Bundesrat umfasst gegenwärtig zwei Frauen und fünf Männer. 


Ikonologische Interpretation

Die Gerechtigkeit ist in der Schweiz beschädigt oder gar zerstört, doch ist dies der Schweizer Regierung offenbar egal bzw. es hindert sie nicht daran, fröhlich zu sein. Einiges bleibt unklar: Wieso ist die Waage zerbrochen? Trägt die Regierung die Verantwortung für die Gerechtigkeit? Will die Karikatur sagen, die Regierung gefährde die Unabhängigkeit der Justiz?

Literaturhinweise:

Bruhn, Matthias: Das Bild : Theorie - Geschichte - Praxis, Berlin 2009 (Akademie-Studienbücher. Kulturwissenschaften).

Fleckner, Uwe: Handbuch der politischen Ikonographie, München 2011.

Geimer, Peter: Theorien der Fotografie zur Einführung, Hamburg 2014 (Zur Einführung).

Jäger, Jens: Fotografie und Geschichte, Frankfurt am Main 2009 (Historische Einführungen).

Sauer, Michael: Bilder im Geschichtsunterricht, Seelze-Velber 2012 (Geschichte lernen).

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Oral History

In der Oral History befragen Historikerinnen und Historiker Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über deren frühere Erlebnissen und schaffen damit neue Quellen. Der Vorteil der Methode liegt darin, dass die Interviewten über Dinge Auskunft geben können, zu denen es unter Umständen keine schriftlichen Dokumente gibt. Ausserdem ist viel mehr Wissen über den Entstehungszusammenhang der Quelle verfügbar (und bei der Interpretation zu berücksichtigen!) als bei den meisten archivalischen Quellen. Die Schwierigkeit der Quelleninterpretation liegt weniger im subjektiven Charakter des Zeitzeugnisses (subjektiv sind alle Formen von Selbstzeugnissen), als vielmehr in der zeitlichen Distanz zwischen dem mündlichen Bericht und den berichteten Ereignissen. Deshalb muss sich der quellenkritische Umgang mit Zeitzeugeninterviews immer mit individuellen und kollektiven Formen der Erinnerung auseinandersetzen. Soll das einzelne Interview über die Untersuchung von Erinnerungsprozessen hinaus auch zur Klärung historischer Fakten dienen, so ist zur Validierung der Aussagen neben der textimmanenten Glaubhaftigkeitsprüfung der Vergleich mit anderen Zeitzeugnissen und/oder mit schriftlichen Dokumenten unabdingbar.

Literaturhinweise:

Obertreis, Julia: Oral History, Stuttgart 2012 (Basistexte Geschichte).

Rosenthal, Gabriele; Fischer-Rosenthal, Wolfram: Analyse narrativ-biographischer Interviews, in: Uwe Flick: Qualitative Forschung. Ein Handbuch, Reinbek bei Hamburg 2005, S. 456–468.

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