Die Wahrnehmung von «Veränderung» im Hochmittelalter und Historiographie im 21. Jahrhundert

Veränderung ist eine fundamentale Erfahrung von Individuen wie Gesellschaften und zudem ein zentraler Gegenstand der Geschichtsschreibung. Dennoch haben Konzepte und Wahrnehmungen von Veränderung bisher kaum Aufmerksamkeit von Seiten der Geschichtswissenschaft erhalten. Zwar konnten Grossnarrative wie das von der «Renaissance des 12. Jahrhunderts» oder der «Geburt der Moderne» in ebendiesem Jahrhundert durch die Entdeckung von Innovationen und vermeintlich radikalen Neuorientierungen immer weiter verfestigt werden, doch blieben dabei andere Vorstellungen von Wandel unberücksichtigt.

Das Projekt stellt daher die Frage nach der Wahrnehmung von Veränderung durch die Zeitgenossen des Hochmittelalters, das in der Forschung als eine Zeit radikalen Wandels beschrieben wird, sowie nach den Möglichkeiten und Strategien, das Wahrgenommene sprachlich zu fassen und zu vermitteln. Veränderung wird in einem weit gefassten Sinn als Bewegung, die noch nicht als Fortschritt oder Niedergang interpretiert ist, als Begegnung mit Unerwartetem und Neuem und als Status- oder Zustandsveränderung verstanden. Dafür wird ein breit gefächerter Korpus verschiedener Quellengattungen von Besitzurkunden über Historiographie bis hin zu theologischen Traktaten untersucht, der ganz gezielt an zwei bedeutenden Knotenpunkten hochmittelalterlicher Textproduktion und -distribution und den mit ihnen verbundenen sozialen, politischen, religiösen und intellektuellen Netzwerken angesiedelt ist. Die Rede ist vom Augustinerchorherrenstift Marbach im Elsass und der Benediktinerabtei St.-Denis bei Paris, die beide jeweils eng in die gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse des Wandels eingebunden waren und sie entscheidend mit prägten.

Das Projekt erfasst historische Konzepte von Wandel und ihre jeweiligen Zeitkonzeptionen in ihrer zeitgenössischen Wahrnehmung und wirft einen frischen Blick auf verfestigte grosse Erzählungen, um diese am Beispiel der Epoche zu hinterfragen, an der sie die Forschung entwickelt hat. Am Ende wird es auch darum gehen, verschiedene Formen für die Geschichtsschreibung im 21. Jahrhundert zu erproben.