East European Jews in Switzerland: Immigrants, Transmigrants and Sojourners

International Exploratory Workshop (SNF)

Datum, Ort: 28.-30.3.2012, Basel

Veranstalter: Dr. Tamar Lewinsky, Sandrine Mayoraz, M.A.

Tagungsbericht von:
Anke Hilbrenner, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Institut für Geschichtswissenschaften, Universität Bonn
E-Mail: <a.hilbrenner@uni-bonn.de>

In den Biographien russischsprachiger Migranten, wie Bakunin, Kropotkin oder Lenin, erscheint die Schweiz als Exil- und Zufluchtsort par excellence. Dennoch lag die Schweiz nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie der Migrationswege der Osteuropäischen Juden, die von den 1880er-Jahren an aus dem Russischen Reich in den sogenannten Westen wanderten. Deshalb betraten die Organisatorinnen Sandrine Mayoraz und Tamar Lewinsky (beide Basel) mit ihrem Workshop frisches Terrain. Die Schweiz erwies sich dabei als Brennglas, in dem auf engem Raum wichtige Phänomene der transnationalen Migrationsgeschichte der osteuropäischen Juden deutlich wurden.

Gerade wegen der peripheren Lage wurde die Schweiz von fast allen Tagungsteilnehmern als ein Ort der „Durchwanderung“ (TOBIAS BRINKMANN, Pennsylvania) begriffen, der einen Blick auf eine Wanderungsbewegung mit unterschiedlichen Zielen und Richtungen ermöglichte. Die Schweiz blieb in den Diskussionen kein Container, der die Erfahrungen der Zugewanderten in einem hermetischen Deutungsraum kontextualisierte, sondern wurde als Teil eines größeren, transnationalen Migrationsraums begriffen. VLADIMIR LEVIN (Jerusalem) etwa kartierte ausgehend von der Schweiz das Europa der osteuropäischen Migration mit seinen Zentren und Zielen, den jeweils unterschiedlichen sozialen und kulturellen Voraussetzungen für die Migranten, und machte den jeweiligen kulturellen und politischen Rückbezug auf den russländischen Ansiedlungsrayon, die Heimat der osteuropäischen Juden, deutlich.

Dieser Zugriff auf die Schweiz als Fluchtpunkt für eine transnationale Perspektive der osteuropäischen jüdischen Migration jenseits eines allzu statischen Verständnisses von Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften ermöglichte zahlreiche neue Einsichten, nicht nur über die Schweiz, sondern vor allem über die komplexen Geschichten der Judenheiten des östlichen Europas. In biographischen und gruppenbiographischen Zugängen wurde die Realität der Migrationserfahrung greifbar. Bestimmungen der Schweizer Fremdenpolizei und antisemitische Diskriminierung prägten die Erfahrungen ebenso wie die relativ liberale Aufnahmepolitik der Schweizer Universitäten. Die anekdotische Erinnerung Vladimir Medems, nach der die russischen Juden in Bern gegen Vorlage eines russischen Zugtickets statt einer Hochschulreife immatrikuliert wurden, belegt pointiert die Gründe der Beliebtheit der eidgenössischen Hochschulen. Studentinnen und Studenten stellten folgerichtig eine große Gruppe der Migranten dar, die meist nach dem Abschluss ihres Studiums die Schweiz wieder verließen. Der Übergang von den Studenten zu den Revolutionären, denen die Schweiz als Exil diente, war fließend. Von den Schweizern wurden die russländischen Juden häufig als „Russen“ wahrgenommen, meist sprachen sie Russisch und verkehrten hauptsächlich mit den anderen Migranten aus dem Russischen Reich. Ein besonderes Augenmerk der Tagungsteilnehmer lag auf den politischen Aktivisten der jiddischsprachigen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Bund, die in der Schweiz Zuflucht vor Verfolgung durch die russischen Behörden suchten. Die Bundisten bezogen sich, auch im Schweizer Exil, mit ihrer Politik immer auf die Situation der Juden im russischen Ansiedlungsrayon. Deshalb interagierten die untersuchten Migranten sehr wenig mit Schweizer Sozialisten oder Migranten aus anderen Ländern, sondern bildeten eine Community mit russischen Sozialrevolutionären oder Sozialdemokraten, unabhängig davon, ob diese auch eine jüdische Identität hatten oder nicht. So stellten viele Tagungsteilnehmer aufgrund ihrer Untersuchungen fest, dass Juden und Russen aus der Perspektive der Anderen, in diesem Falle der Schweizer, alle gleich fremd waren und in dieser Fremdheit eine Reihe von Gemeinsamkeiten entwickelten, die sich im Russischen Reich selbst möglicherweise nicht ergeben hätten. So verbanden die untersuchten Kontaktzonen häufig Migranten und Migranten, und nicht etwa Migranten und Einheimische, wobei ALEXIS HOFMEISTER (Basel) auf die Unzulänglichkeit der Vorstellung von Sesshaftigkeit als Gegensatz zur Migrationserfahrung hinwies und unterstrich, dass Erfahrungen von Migration auch bei den Schweizern eher die Regel als die Ausnahme darstellte.

Bei aller Betonung des Transits, des Übergangs und des transnationalen Charakters der Schweiz als Migrationsort wurde doch deutlich, dass die Schweizer Zeit für die Migranten eine wichtige formative Rolle gespielt hat. Das lag nicht nur an der spektakulären Schweizer Natur, die für viele der Migranten zum Sehnsuchtsort und solcherart künstlerisch repräsentiert wurde, sondern auch an den Bildungsmöglichkeiten der Schweizer Universitäten. Besonders aber galt das für die politischen Aktivitäten der Migranten, die auf engstem Raum ein breites Spektrum russländischer illegaler Parteien vorfanden. So konnten die Studenten und Revolutionäre im Exil, die im kleinen Maßstab die gesamte revolutionäre Bewegung des Russischen Reiches abbildeten, sich als Agitatoren schulen und sich politisch profilieren. Eine besondere Rolle spielte dabei das revolutionäre, politische Debattieren, das von GABRIELLa SAFRAN (Stanford) untersucht wurde. Safran versuchte, dem „jüdischen Sprechen“, das in der Außenwahrnehmung in der Migration auch als „russisches Sprechen“ bezeichnet wurde, als Form der Selbstidentifizierung und Positionierung auf die Spur zu kommen. Sie folgerte, dass das „jüdische Sprechen“, das sie als emotional, figurativ und als Ergebnis einer reflektierten Rhetorik bezeichnete, sich letztlich im russischen Sprachraum als revolutionäres Sprechen durchgesetzt habe. Das Konzept des „jüdischen Sprechens“, das von Safran als Form der Selbstidentifizierung begriffen wurde, birgt allerdings, so wurde von den Teilnehmern angeregt diskutiert, die Gefahr des essentialistischen Begreifens einer „jüdischen Art zu sprechen“ in sich, die zumindest in den Quellen, die Safran benutzte, virulent war.

Der Workshop zeigte das Potential der Geschichte der osteuropäischen jüdischen Migration in der Schweiz für eine transnationale Perspektive auf die europäischen Migrationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf. Dabei gelang es den Organisatorinnen, die Themen und Panels so zusammenzustellen, dass angeregte Diskussionen zwischen bedeutenden Experten und Nachwuchswissenschaftlern neue Einsichten beförderten, provozierende Thesen Denkanstöße gaben und die Schweiz als wichtiger Ort der osteuropäischen jüdischen Migration auf der geistigen Landkarte der Jüdischen Studien markiert wurde. Dabei, so muss einschränkend bemerkt werden, wurde die Schweiz vor allem aus der Perspektive der deutschsprachigen Städte und Universitäten, mit gelegentlicher Erwähnung der Stadt Genf, sowie der Berge untersucht. Eine Untersuchung der gesamten Schweiz als Migrationsort der osteuropäischen Juden konnte der sonst so ergiebige Workshop nicht leisten. Dennoch optimistisch stellte HEIKO HAUMANN (Basel) in seinem abschließenden Kommentar fest, dass die neuen Zugänge und Einsichten vor allem das Ergebnis der letzten 20 Jahre sind, in denen sich sowohl die osteuropäische als auch die jüdische Geschichte neuen Fragestellungen geöffnet haben.

 

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