Bilder des Fremden

Bilder des Fremden Visuelle Repräsentationen von Alterität und Multiethnizität im Russländischen Imperium, 1860‐1917

Laura Elias, Basel

Mit der Erfindung der Photographie veränderte sich der Blick auf die Welt. Nicht nur in Westeuropa, auch in Russland wurde diesem geheimnisvollen Wunder der modernen Technik bereits kurz nach dessen Entdeckung im Jahr 1839 die faszinierte Aufmerksamkeit von Presse und Wissenschaft zuteil. Anhand des neuen Mediums erschien es erstmals realisierbar, sich ein vermeintlich objektives Bild vom „Eigenen“ und „Fremden“ zu verschaffen und die neuen Bilder einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Während in Westeuropa zunehmend Photographien von „exotischen“ Bewohnern überseeischer Kolonien bestaunt wurden, begannen russische Photographen in den 1860er-Jahren, die unermessliche Größe des Vielvölkerimperiums auszuloten und die schillernde Diversität von dessen Bewohnern zu dokumentieren.

Wie sich die neue Technik der Photographie und die dadurch entstandenen Repräsentationen vom peripheren Raum und dessen Bewohnern auf die Wahrnehmung vom Imperium ausgewirkt und den kulturellen und politischen Wandel beeinflusst haben, soll in diesem Forschungsvorhaben untersucht werden. Dabei werden die Bilder nicht lediglich auf ihre ikonographische Mimesis hin untersucht, sondern vielmehr als Medium historischer Sinnstiftung und Dokument vergangener Wahrnehmungsmuster begriffen. Photographien peripherer Räume und Ethnien sollen ihrer Suggestion von Objektivität und Mimesis befreit und im Sinne eines kulturgeschichtlichen Ansatzes auf die ihnen inhärenten kulturellen Praktiken und images vom „Anderen“ befragt werden.

Im Zentrum der Untersuchung steht die ethnographische Photographie von der indigenen Bevölkerung Zentralasiens und des Kaukasus. Wie blickte die junge Wissenschaft der Ethnographie auf das Imperium? Und welche Wertvorstellungen, Wahrnehmungsmuster und wissenschaftlichen Prämissen kommen in den ethnografischen images vom „Anderen“ zum Ausdruck? Unterscheidet sich der photographische Blick der Wissenschaftler von jenem der imperialen Eliten, die als administrative oder militärische Vertreter der Kolonialmacht ihre Wahrnehmung von der Peripherie und deren indigener Bevölkerung photographisch festhielten? Und blieben die inorodcy lediglich passives Objekt einer Inszenierung, auf die sie keinen Einfluss zu nehmen vermochten? Oder war es ihnen vielleicht doch möglich, an ihrer eigenen Visualisierung mitzuarbeiten? Diese Fragen sollen im Rahmen des Forschungsprojekts eruiert werden.

 

Das Plakat zum Projekt finden Sie hier. [PDF (5.4 MB)]

 

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