Autobiographische Praxis im Russischen Reich

 

Wie generell für nichtwestliche Gesellschaften, nahm man auch für das Russische Reich an, die Subjektkultur habe sich vergleichsweise langsam entwickelt und sei ständig gefährdet gewesen. Dieses Bild hat in den letzten Jahren eine deutliche Korrektur erfahren. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht wurden die Traditionen autobiographischen Schreibens in Russland bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt. Die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Selbstzeugnissen aus Russland war lange Zeit von der Annahme geprägt, russische Autobiographik fühle sich mehr der Widergabe der Zeitläufte und weniger der Introspektion des Autors bzw. der Formulierung entsprechender Selbstentwürfe verpflichtet. In Abgrenzung von dieser These werden heute verstärkt die Gemeinsamkeiten autobiographischer Praktiken im westlichen und östlichen Europa betont. In Russland hat die historische Arbeit mit autobiographischen Quellen in den 1970er Jahren einen deutlichen Aufschwung erfahren. Andrej G. Tartakovskij konnte nachweisen, dass die Erfahrung des »Vaterländischen Krieges« gegen Napoléon im russischen Adel eine Welle autobiographischen Schreibens auslöste. Eine ähnliche Katalysatorfunktion hatte die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 für die Autobiographik russischer Bauern. Befördert wurde die Publikation autobiographischer Texte im Zarenreich auch durch die Ausweitung des Buch- und Zeitschriftenmarktes sowie durch die Lockerung der Zensur in den 1860er Jahren und nach der Revolution von 1905/06. Neben dem Adel waren es vor allem Vertreter der Intelligencija, die im 19. Jahrhundert versuchten, über die Beschreibung des eigenen Lebens ihren Platz in der Gesellschaft zu definieren. Auch Frauen veröffentlichten ab den 1850er Jahren in zunehmendem Masse Lebenserinnerungen, wobei Texte von Vorkämpferinnen der Frauen- und revolutionären Bewegung in besonderem Masse die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich zogen. Die systematische Auseinandersetzung mit autobiographischen Praktiken von Frauen der gesellschaftlichen Elite ist ebenso ein Forschungsdesiderat wie die Analyse von Selbstzeugnissen hochrangiger Funktionsträger der Autokratie wie Gouverneure oder Juristen.

 

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