Selbstzeugnisse jenseits der Autobiographie

(Fedor Martens. Quelle: siehe Link)

Selbstzeugnisse jenseits der Autobiographie: Fallbeispiele aus dem späten Zarenreich

Prof. Dr. Martin Aust, Bonn

Das Teilprojekt untersucht individuelle Selbstverortungen in Imperien jenseits der Gattung Autobiographie anhand von drei Fallbeispielen aus dem späten Zarenreich. Im Mittelpunkt stehen Fedor F. Martens, Olga A. Ščerbatova und Nikolaj F. Petrovskij. Martens diente dem Imperium von 1870 bis 1909 als Völkerrechtler und Diplomat. Porträtfotografien, Tagebuchaufzeichnungen und eine Vielzahl juristisch-historischer Publikationen geben Aufschluss darüber, wie Martens das Imperium imaginierte und wie er sich selber in ihm verortete. Die Fürstin Ščerbatova unternahm in den 1880/90er Jahren mehrere Reisen, die sie zusammen mit ihrem Mann nach Palästina, Syrien, auf die arabische Halbinsel, Indien und Java führten. In drei Reiseberichten hat sie ihre Reiseerfahrungen des Osmanischen, Britischen und Niederländischen Empires dokumentiert. Dabei ist zunächst von Interesse, wie sie als Angehörige des Russländischen Imperiums auf die übrigen Imperien und Kolonialreiche blickte. Nicht minder relevant sind diese transkontinentalen Reisen als Reisen in Ermöglichungsräume, die der Fürstin Optionen der Selbstentfaltung eröffneten, die ihr in Europa und in Russland verschlossen waren. In ihren Reiseberichten zeichnet die Fürstin ein Bild davon, wie sie an der europäischen Vermessung der Welt und Wissensproduktion über fremde Räume beteiligt war. Petrovskij diente dem Zarenreich zunächst in der Finanzadministration des Generalgouvernements Turkestan, um darauf den Posten eines russischen Konsul in China zu bekleiden. Interessant ist, wie Petrovskij diese Funktionen in seinen Briefen von 1870 bis 1907 an unterschiedliche Korrespondenzpartner zeichnet. In der Summe erlauben die drei Fallbeispiele Aufschlüsse über Praktiken der Selbstdarstellung jenseits der Autobiographie.

martin.aust-at-uni-bonn.de

 

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