Jungtürkische Autobiographien

(Talaat Pascha. Quelle: siehe Link)

Imperialismus, Antiimperialismus und Nationalismus in jungtürkischen Autobiographien

Murat Kaya, Basel

Auch wenn das Osmanische Reich im frühen 20. Jahrhundert territoriale Verluste hinnehmen musste, so blieb es dennoch ein massgeblicher politischer und militärischer Faktor im internationalen Mächtesystem. 1908, mit der Entmachtung Sultan Abdülhamids II., traten die Jungtürken, die sich aus unterschiedlichen Milieus wie etwa Bürokraten, Offiziere und Intellektuelle – und zunächst auch aus verschiedenen Ethnien – rekrutierten, als signifikante politische Kraft hervor. Seit 1913 autokratisch regierend, herrschten die Jungtürken bis 1918 und prägten damit den entscheidenden Zeitraum der osmanisch-türkischen Achsenzeit von 1912 bis 1922. Von Anbeginn waren antiimperiale Haltungen ein zentraler Bestandteil der jungtürkischen Ideologie. Das Bewusstsein, Teil eines antiimperialen Kampfes zu sein, war so stark, dass einzelne Jungtürken sich nach dem Sieg Japans über Russland im Jahr 1905, der einen grossen Widerhall in der islamischen Welt fand, bei der japanischen Armee bewarben. Nach ihrer Machtübernahme 1908 pflegte die jungtürkische Führung ihre anti-imperialistische Haltung weiter, unter anderem in der Überlegung, auf diese Weise vielleicht sogar muslimische Bevölkerungen in europäischen Kolonialgebieten mobilisieren zu können. Trotz ihrer ausgeprägten antiimperialen Rhetorik führten jedoch die jungtürkischen Führer und Vordenker die osmanischen imperialen Traditionen fort und wandelten diese ab. Neue irredentistisch-imperiale, zugleich komplexe und fragmentarische Ideologeme wie der Pan-Turkismus mit dem Ziel einer Vereinigung aller Turkvölker von Zentralasien bis nach Südosteuropa wurden in der osmanisch-türkischen Intelligencija gehandelt. Jungtürkische Ideologen begannen, die Gesamtheit der arabischen Gebiete des Osmanischen Reiches als imperiale Kolonien zu betrachten. Damit nahmen sie traditionelle Vorstellungen der Muslime als der herrschenden Konfessionsnation (millet-i hakime) und koloniale osmanische Muster aus dem 19. Jahrhundert in radikalisierter Form auf. In Adaption europäischer Kolonialismus-Konzepte sahen sich die Jungtürken verpflichtet, vor allem die arabische Bevölkerung der osmanisch-türkischen mission civilisatrice zu unterwerfen. Auf der Grundlage autobiographischer Texte soll jungtürkischen Semantiken im Spannungsfeld von Imperialismus und Anti-Imperialismus nachgegangen werden. Obwohl die historische Osmanistik als akademische Disziplin inner- und ausserhalb der Türkei in den letzten Jahrzehnten entscheidende Fortschritte gemacht hat, sind autobiographische Schriften der spätosmanischen und frührepublikanischen Zeit als historische Quelle bisher weitgehend unberücksichtigt geblieben. Auch vor diesem Hintergrund verspricht die Auswertung autobiographischer Schriften der Jungtürken grossen Ertrag. Vor allem türkische Historikerinnen und Historikern haben wiederholt auf die Bedeutung der in diesem Projekt untersuchten autobiographischen Schriften hingewiesen. Historische Arbeiten, die diese Quellen in systematischer Weise etwa auf den Komplex der »armenischen Frage« beziehen, sind jedoch nach wie vor selten. Das umfangreiche Korpus, dessen Hauptteil nach 1918 entstand, soll systematisch nach der komplexen Gemengelage imperialer, antiimperialer und nationaler bzw. nationalistischer Reflexe und Haltungen befragt werden. Das Projekt wird der Frage nachgehen, in welchen historischen Kontexten und in welchen Kommunikations-Situationen welche ideologische Positionen von wem favorisiert wurden. Lässt sich aus den jungtürkischen Autobiographien eine Art kollektive Weltanschauung rekonstruieren, und wenn ja, wie lässt sich diese bei einzelnen Akteuren nachweisen? Als Quellengrundlage dienen Autobiographien, sowie Tagebücher und Briefe führender Vertreter der jungtürkischen Bewegung.

murat.kaya-at-unibas.ch

 

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