Selbst Geschichte schreiben

(Salomon Maimon. Quelle: siehe Link)

Selbst Geschichte schreiben. Jüdische autobiographische Praxis in den Imperien des östlichen Europa

Dr. Alexis Hofmeister, Basel

Die Transformation imperialer Staatlichkeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zeigte, wie eng die Geschichte der jüdischen Bevölkerungen in Europa mit den untergegangenen Vielvölkerreichen zusammenhing. Den  sephardischen Juden in Saloniki etwa hatte der osmanische Staat Sicherheit und Autonomie garantiert. In der Habsburgermonarchie erfreute sich die Juden ebenfalls staatlicher Protektion, wenn auch unter dem Signum der Religionsfreiheit. Im Russischen Reich galten die Juden einerseits als ethnisch und religiös Fremde. Andererseits bemühte sich der russländische Staat um die Integration der Gebildeten sowie der ökonomisch potenten Elite. Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen aber doch ähnlichen Stellung vis-a-vis dem imperialen Staat wurde nun die historische Entwicklung des jüdischen Selbst wie sie sich etwa in jüdischer Autobiographik ausdrückte, verfolgt. Die jüdische Aufklärung (Haskala) vertrat ein konsequentes Programm des Auszugs der jüdischen Bevölkerung aus dem sprichwörtlichen Ghettodasein. Dazu gehörte die Befreiung des Individuums vom Zugriff der Familie und Religionsgemeinde. In den autobiographischen Texten der jüdischen Aufklärer finden sich daher Spuren jener imperialen „self civilizing missions“, in deren Dienst sie sich gestellt hatten. Indem sie auf Bildung und Erziehung der jüdischen Bevölkerungsgruppe hinwirkten, entsprachen sie dem verbreiteten Postulat, dass die Emanzipation der jüdischen Untertanen von ihrer Annäherung an die kulturellen Werte der Mehrheitsgesellschaft abhängig sei. Die von den jüdischen Aufklärern verfassten autobiographischen Texte wurden als Selbstapologien verfasst. Ihre Lektüre erlaubt es, ein idealisiertes Selbstporträt der aufgeklärten jüdischen Gegenelite zu zeichnen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zunächst wenige Autobiographien vor allem auf Hebräisch. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchs die Anzahl autobiographischer Texte und die Bandbreite der verwendeten Sprachen. Dabei vergrösserte sich der Kreis der Rezipienten unddie Breitenwirkung der jüdischen Selbstbilder.  Das Material erlaubt die Selbtwahrnehmung der Vielvölkerreiche um eine bislang wenig berücksichtigte Perspektive von den sozialen und geographischen Rändern der Imperien zu ergänzen.  Die vergleichende Analyse der in den autobiographischen Texten propagierten Selbst- und Vorbilder lässt den unterschiedlichen Umgang mit jüdischen Gemeinschaften in den drei Kontinentalreichen plastisch hervortreten. Berücksichtigt wurden Texte des 19. Jahrhunderts in jiddischer, hebräischer, russischer, französischer, deutscher und polnischer Sprache sowie in Ladino. Das zu untersuchte Korpus umfasst etwa 60 Texte, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden und  veröffentlicht wurden. Es ist geplant, die Ergebnisse der Untersuchung in einer Monographie zu veröffentlichen.

alexis.hofmeister-at-unibas.ch

Das Projektplakat finden Sie hier [PDF (259 KB)].

 

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