Geschichte und Kultur der Roma in Osteuropa

 

Seit einiger Zeit wird an der von mir vertretenen Abteilung des Historischen Seminars – Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte – ein Projekt zur Geschichte und Kultur der Roma in Osteuropa durchgeführt, das auch den Blick auf vergleichbare Verhältnisse in der Schweiz richtet. Nach aussen dokumentiert wurde dies 1998 durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophisch-Historischen Fakultät an Frau Mariella Mehr auf Anregung des Historischen Seminars, durch die Beteiligung an einer Ausstellung, einer Vortragsreihe und einer Publikation „Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz“ (2000/2001, 2003), durch mehrere Lehrveranstaltungen von Herrn Dr. Stéphane Laederich (Rroma Foundation Zürich) zum Projektthema sowie durch ein von mir geleitetes Hauptseminar im Wintersemester 2004/05 über „Grenzen und Aufbruch – Roma in Osteuropa und in der Schweiz“. Das Hauptseminar wurde gemeinsam mit der Integrationsstelle des Kantons Basel-Stadt veranstaltet.
Das gesamte Projekt steht in enger Verbindung mit verschiedenen Initiativen zur Lage der Sinti, Roma und Jenischen in der Schweiz. Eine Anzahl Seminar- und Lizentiatsarbeiten sowie Dissertationen beschäftigt sich mit Einzelfragen des Projektthemas.
Das Ziel des Projektes richtet sich darauf, offene Fragen zur Geschichte und Kultur der Roma in Osteuropa aufzuarbeiten und die Ergebnisse in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Damit soll Vorurteilen entgegengewirkt, aber auch ein Beitrag zum „Jahrzehnt der Eingliederung der Roma“ geleistet werden, das bis 2015 läuft. Zu diesem „Jahrzehnt“ haben sich die Regierungen von acht südost- und ostmitteleuropäischen Staaten verpflichtet, die sozialen und ökonomischen Unterschiede zwischen Roma und Nicht-Roma so weit wie möglich verschwinden zu lassen. In Absprache mit anderen Universitätsinstituten des In- und Auslandes, die sich eher mit ostmitteleuropäischen Regionen befassen, konzentriert sich unser Projekt räumlich auf Südosteuropa, dabei vor allem auf Serbien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien und Rumänien. Thematische Schwerpunkte sind die soziale Lage der Roma und ihre eigene soziale Differenzierung, das Bildungswesen, die Frage nach der Bewahrung ihrer Kultur sowie das Zusammenleben von Roma und Nicht-Roma.
Gerade am Beispiel des Bildungswesens können die spezifischen Probleme deutlich werden: Aufgrund der Armut und der Ausgrenzung eines grossen Teils der Roma, die eine schlechte berufliche Stellung nach sich ziehen, werden viele Roma-Kinder nicht eingeschult, besuchen die Schule unregelmässig, brechen sie vorzeitig ab oder erhalten einen unzureichenden Abschluss. Für Roma-Familien, die in der traditionalen Kultur leben und der fahrenden Lebensweise verpflichtet sind, ist der Schulbesuch ihrer Kinder ohnehin schwierig. So vollzieht sich ein Kreislauf der Benachteiligung. Sonderschul- oder homogene Roma-Klassen haben sich als keine Lösung erwiesen. Immerhin sind Initiativen entstanden, die vielleicht Wege zur Verbesserung der Situation aufzeigen können: z. B. Nachmittagsbetreuung von Roma-Kindern im Vorschul- und Grundschulalter; Romnia als Assistentinnen an Schulen; Stipendien für Roma-Kinder für den Schulbesuch; spezielle Vereinbarungen mit fahrenden Roma.
Bei der wissenschaftlichen Begleitung dieser Versuche sind auch die Auswirkungen einer besseren Bildung auf die innere Struktur der Roma-Gesellschaft zu beachten. Bereits jetzt zeigt sich, dass sich gut ausgebildete, sozial aufgestiegene Roma häufig ihrer Kultur und damit auch ihrer Gemeinschaft entfremden. Daraus entstehen schwerwiegende Konflikte. Andere versuchen allerdings, eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten zu schlagen und treten z. B. in der Öffentlichkeit und in einschlägigen Organisationen als Sprecher der Roma-Interessen auf.
Überhaupt steht im Zentrum des Projektes die Frage nach den Veränderungen der Lebenswelt und deren Auswirkungen auf die Kultur der Roma. Dabei werden die Politik der verschiedenen Staaten und die Verhaltensweisen gegenüber den Roma ebenso untersucht wie die Lebensweise der Roma selbst, ihre Wahrnehmungen, Erfahrungen, Deutungsmuster und Handlungen. Da hier schriftliche Quellen weitgehend fehlen, kommt der „mündlichen Geschichte“ eine besondere Bedeutung zu.

 

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