"Nehmen" im Mittelalter

‹Die Gabe› hat, als der Anthropologie entlehntes Konzept, in der Geschichtswissenschaft längst Klassikerstatus - anders als ihr begriffliches Gegenstück, das es nicht einmal als Substantiv gibt. In einer Zeit, in der ökonomische Gleichgewichtsmodelle nicht mehr zu überzeugen vermögen, lag es daher nahe, durch einen Fokus auf Praktiken und Vorstellungen des ‹Nehmens› im Mittelalter die alte, zuletzt ein wenig aus der kulturalistischen Mode geratene Frage «Wer (beraubt, nimmt, versklavt) wen?» wieder einmal zu stellen. Ziel war, zur Erforschung der politischen Ökonomie von mittelalterlichen Beutegesellschaften anzustossen und ein wenig beizutragen: «Wer wen?»... und: wie?

Jan Rüdiger regte dazu ein Themenheft der Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (9-10/2014) an und leitet darin «Zur Geschichte mittelalterlichen Nehmens» ein. Nach der Rolle des Nehmens in den Balancemodellen des Gabentauschs, den modernen wie den antik-patristisch-mittelalterlichen, fragt Lucas Burkart an Hand des poströmischen Bischofs und Geschichtsschreibers Gregor von Tours, durch dessen Wahrnehmung wir die Thesaurierungspraktiken merowingerzeitlicher Machthaber beobachten. In thesaurum landen auch, wenn auch auf ziemlich andere Weise, die von Ulla Kypta untersuchten Abgaben, die im 12. Jahrhundert im Namen der englischen Könige vom Schatzamt im Londoner Tower verbucht werden: Zur Geschichte des Nehmens gehören auch ihre nicht (oder allenfalls mittelbar) mit Gewaltökonomie zusammenhängenden Formen.

Vom Menschenraub am Schwarzen Meer über die Märkte und Makler in Konstantinopel bis in die Oberschichtenhaushalte Venedigs: Juliane Schiel fragt nach den Etappen und Semantiken, die aus Menschen Handelsware machten. Gregor Rohmann (Frankfurt/Main) untersucht, wie in Nord- und Ostsee wie und wann Gewaltunternehmer zu Schiff als seerover gelten und so behandelt werden. Auch hier ist die ‹Prise› zum einen die Beute, zum anderen und oft wichtigeren die Art, wie sie zustandekommt. Michael Jucker liest die ‹Burgunderbeute›, die den Eidgenossen nach der Schlacht gegen Karl den Kühnen bei Grandson 1476 zufiel, und zeigt, wie aus dem, was man im Feldlager des Besiegten plündern konnte, in den Händen der diversen Sieger rasch eine Sache obrigkeitlicher Selbstermächtigung wurde.