Alltagsgewalt und Kolonialismus - Neues Forschungsprojekt bewilligt

09.10.2017 16:22

Das Forschungsprojekt «Violent Encounters: Practices and Perceptions of Violence in Southern Namibia and the Northern Cape, c.1880-1910» wurde vom SNF zum 1. Oktober 2017 bewilligt.

Das Projekt untersucht die zentrale Bedeutung von Gewalt, um koloniale Herrschaft zu errichten und aufrechtzuerhalten: In der Grenzregion des südlichen Namibias und des Nord-Kaps kam im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Alltagsgewalt eine erhebliche Rolle zu.

AfrikanerInnen aus der Grenzregion waren tagtäglich gewaltsamer kolonialer Unterdrückung, der Beschlagnahmung von Vieh sowie der Enteignung von Land ausgesetzt. Auf Farmen und in Minen wurden Arbeiter mit Prügel oder Hieben zur Arbeit gezwungen. Widerstand von Nama-Oorlam oder Herero überlagerte sich mit gewaltsamen Konflikten zwischen und innerhalb dieser Gruppen, die sich um politischen Einfluss und Macht, wirtschaftlichen Wohlstand und sozialen Status drehten. Das Projekt beschäftigt sich mit Praktiken der Alltagsgewalt wie Prügel oder Schiessen, die dabei häufig zur Anwendung kamen. Es geht der Frage nach, wie sich solche Praktiken sowie die ihnen zugeschriebenen Bedeutungen herausbildeten und sich vor dem Hintergrund von europäischem Siedlerkolonialismus, afrikanischem Pastoralismus und kolonialem State Building veränderten. Zudem wird untersucht, inwieweit Verschiebungen der Muster und Deutungen gewaltsamen Handelns das Ergebnis wechselseitiger Lern- und Aneignungsprozessen zwischen Afrikanern, Europäern und Afrikaanern (Buren) waren. Dafür werden deren (gewaltsame) Begegnungen auf Farmen und Missionsstationen, in Minen oder bei Raubzügen in den Blick genommen.

Das Projekt leistet einen Beitrag zur Diskussion der Rolle von Gewalt im (Siedler)Kolonialismus und zu Debatten über eine ‚geteilte’ Geschichte kolonialer Gewalt. Es greift auf eine verflechtungsgeschichtliche Perspektive sowie Frontier- und Borderland-Konzepte zurück und stützt sich auf eine Vielzahl mündlicher, archivalischer und gedruckter Quellen.

Das von Julia Tischler geleitete Projekt hat eine Laufzeit von vier Jahren und wird von Kai Florian Herzog, ehemals Startstipendiat der BGSH, bearbeitet.