"Ein Paradies für jeden Forscher"
Im Gespräch mit drei renommierten Gästen der Summer School "Shaping Europe"

Begeistert von Basel: Silvana Seidel Menchi, Anthony Grafton und Anita Traninger
In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit Basel im 16. Jahrhundert. Was ist für Sie an Basel in dieser Zeit besonders interessant?
Silvana Seidel Menchi: Basel entwickelte zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine kulturelle Kraft, die ganz Europa erfassen sollte. Man plante die Etablierung einer kulturellen Hegemonie von Spanien bis Polen und von England bis Rom. Wichtige Orte dieser Entwicklung waren etwa die Werkstatt des Buchdruckers Johann Froben oder die Studierzimmer der Familie Amerbach. Man glaubte an die Kraft der Überzeugung bzw. der Verführung durch das Wort und zum Teil auch durch das Bild.
Als Historikerin interessieren mich verschiedenen Fragen rund um dieses Projekt der kulturellen Hegemonie: Wie kam es zustande, wie versuchte man es zu verwirklichen und welche Schichten waren daran beteiligt? Wie verhielten sich kultureller und politischer Einfluss zueinander? Wo liegen die Gründe für das Scheitern des Projektes? Die ganze Thematik ist sehr faszinierend.
Anthony Grafton: Als Historiker der frühen Neuzeit fasziniert mich Basel aufgrund der Offenheit gegenüber vielen (allerdings nicht allen!) Flüchtlingen und Opfern von religiöser Verfolgung, wegen eines spezifischen Kosmopolitismus und wegen der hervorragenden Druckereien: Sie machten die Stadt zu einem Zentrum innerhalb des europäischen Informations-Netzwerkes und zudem zur Heimstätte vieler Bücher, die zurecht sehr einflussreich wurden.
Anita Traninger: Basel hat im 16. Jahrhundert eine lokale kulturelle Kompetenz, nämlich eine außergewöhnliche Dichte von geschickten und umtriebigen Buchdruckern, dafür genützt, ein Zentrum von internationaler Ausstrahlung zu werden. Internationale Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam kamen in die Stadt, um ihre Bücher hier in den Druck zu bringen. Basel wurde zu einem Zentrum von europäischem Rang, ohne dass sich z.B. ein prunkvoller und mächtiger Fürstenhof dort befand. Das finde ich faszinierend, wie ganz praktische, handwerkliche Faktoren, ein know how auf der einen Seite und intellektuelle Faktoren, ein Wissen auf der anderen zusammenkommen und eine Stadt für einen gewissen Zeitraum überregional bedeutsam machen.
Welchen Zugang zur Geschichte von Basel eröffnet Ihre eigene Forschung? Und inwiefern ist die Basler Geschichte des 16. Jahrhunderts für unsere Gegenwart von Interesse?
Silvana Seidel Menchi: Ich forsche zu Erasmus von Rotterdam und es ist klar, dass Erasmus ohne Basel, insbesondere ohne den Basler Buchdruck, nie die geistige Dominanz erlangt hätte, die ihn bis in die Gegenwart strahlen lässt. Die Stadt Basel des 16. Jahrhunderts war ein einmaliger Resonanzraum für einen grossen Geist – aber nicht nur: Basel war auch eine eigentliche Geburtsstätte der Moderne. Kommunikation spielte dabei eine wichtige Rolle und deshalb haben wir hier die Möglichkeit, die Macht der Kommunikation analytisch zu studieren. Und was ist das Kernphänomen unserer Zeit wenn nicht die grenzenlose Macht der Kommunikation?
Anthony Grafton: Erasmus von Rotterdam, zu dem ich forsche und den ich immer bewundert habe, hat in Basel so etwas wie eine spirituelle Heimat gefunden. Das ist der Grund, dass ich auf die Stadt aufmerksam wurde. Seither bin ich hier immer wieder auf reichhaltige Quellenbestände zu mich zutiefst interessierenden Fragen gestossen: Wie lasen christliche Gelehrte – etwa Johann Buxtorf I – jüdische Texte und wie erklärten sie sie ihren Glaubensgenossen? Wie arbeiteten Gelehrte und Autoren mit Buchdruckern zusammen? Wie kam es, dass Ambrosius Froben um 1580 eine Talmud-Ausgabe druckte? Basels reichhaltige Quellenmaterialien ermöglichen der Geschichtsschreibung eine ungewöhnlich anschauliche und zufriedenstellende Aufarbeitung solcher Episoden.
Anita Traninger: Ich bin Basel insbesondere über meine Forschungen zu Erasmus verbunden. So habe ich zum Beispiel seine Basel gedruckte Schrift über die Kindererziehung von 1529 in Verbindung mit dem Aushängeschild eines Schulmeisters von Ambrosius Holbein, das im Kunstmuseum zu sehen ist, analysiert. Das Schild, in dem ein Lehrer seinem Schüler fast zärtlich mit der Rute über das Hinterteil streicht, um das Einprägen des Lernstoffs zu unterstützen, steht in bemerkenswertem Kontrast zu Erasmus’ Schilderung der Schule als einer Folterkammer. Diese Spannung lässt sich im Kontext anderer Quellen deuten; es ergibt sich ein erhellender Blick auf Erziehungsideale und das Spannungsverhältnis, in dem sie zu allseits anerkannten Erziehungsmethoden standen. Diese Geschichte – und Geschichte im allgemeinen – sagt uns etwas darüber, dass unsere tiefsten persönlichen Überzeugungen auch eine Geschichtlichkeit haben. Dass Eltern im 16. Jahrhundert ihre Kinder vom Lehrer schlagen ließen, weil sie nur das Beste für sie wollten, macht sie uns gleichzeitig vertraut und fremd.
Die Basler Geschichte des 16. Jahrhunderts ist für uns nicht nur in einem engeren fachwissenschaftlichen Sinn interessant. Die mediale Umbruchssituation mit dem Buchdruck und der im Zusammenhang damit empfundenen überbordenden Informationsflut, der Umbau der Bildungsinstitutionen, unabwendbare Internationalisierungsprozesse bei gleichzeitigen Bestrebungen, die lokale Situation unter Kontrolle zu halten – das alles sind Themen, die direkt zu uns sprechen. Damit meine ich gar nicht, dass man sich an den Lösungen, die Basel damals gefunden hat, orientieren sollte. Aber man kann sich vergegenwärtigen, dass viele Generationen vor uns nach Antworten gesucht wurde, die wir, wenn auch auf andere Weise, heute immer noch suchen.


Seidel Menchi, Grafton und Traninger im Gespräch mit Doktorierenden
Was macht für Sie Basel als Forschungsplatz attraktiv?
Silvana Seidel Menchi: Die Universitätsbibliothek. Ich kenne keine andere Bibliothek in der Welt, die so benutzerfreundlich, so angenehm, so flexibel und so effizient ist – ein Paradies für jeden Forscher.
Anthony Grafton: Die Abteilung für Alte Drucke und Manuskripte der Universitätsbibliothek ist ein wunderbarer Ort zum arbeiten. Sie wird von aufmerksamen und hilfsbereiten Expertinnen und Experten betreut und die Bedingungen für das Studium der Materialien sind perfekt.
Anita Traninger: Zum einen sind es die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Basler Universität; einige von ihnen sind wichtige Kontakte für mich und anregende Gesprächspartner in Forschungsfragen. Zum anderen verfügt die Basler Universitätsbibliothek über herausragende Bestände. In einigen Recherchenotlagen hat mir auch schon ihre elektronische Bibliothek, e-rara.ch, geholfen. Die digitalisierten alten Drucke können natürlich niemals die Arbeit mit dem Original ersetzen, aber die UB Basel hat hier ein ungemein hilfreiches und überaus kompetent gemachtes Hilfsmittel für die Frühneuzeitforschung geschaffen.
Was gefällt Ihnen am heutigen Basel?
Silvana Seidel Menchi: Basel ist für mich ein äusserst aufregender und geheimnisvoller Ort. Ich bin hier allerdings keine objektive Beobachterin mehr: Mir fehlt die Distanz, denn ich liebe diese Stadt. Die Baslerinnen und Basler wissen aber auch, dass sie das Privileg haben, in einer wunderbaren Stadt zu leben.
Anthony Grafton: Die Schönheit der Altstadt, die reiche Präsenz der Vergangenheit an so mancher Ecke und die wunderbaren Museen zur Kunst des 20. Jahrhunderts wie auch früherer Epochen.
Anita Traninger: Im Gegensatz zur Mehrzahl der deutschen Städte gibt es in Basel eine historische Altstadt, und zwar eine, die überhaupt nicht museal ist. In Österreich, woher ich ja stamme, haben wir viel barocke Bausubstanz, aber keine solchen Ensembles von Bauten aus dem 16. Jahrhundert und davor. Dazu kommen die wunderbaren Museen und natürlich das entspannte Leben am Fluss. Ich freue mich jedesmal, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, nach Basel zu kommen.

