Edition von Joseph Furttenbachs "Lebenslauff"

Joseph Furttenbach (1591-1667) war eine ausserordentliche Figur des süddeutschen Kulturraumes des 17. Jahrhunderts. In seiner Jugend verbrachte er mehr als zehn Jahre in Italien - v.a. in Genua, wo er Kaufmann tätig war, aber auch in Mailand und Florenz, wo er u.a. mit Galileo Galilei Kontakt aufnahm - und rezipierte intensiv die Architektur, die Theaterkunst und die Ingenieurstechniken, die sich während der Renaissance herausgebildet hatten. Nach seiner Rückkehr nach Oberdeutschland war er über mehrere Jahrzehnte als Kaufmann, Ratsherr und Stadtbaumeister in Ulm tätig.

In Ulm ist auch Furttenbachs "Lebenslauff" entstanden, dessen zweiter, einziger überlieferter Teil aus tagebuchartigen Aufzeichnungen der Jahre 1652-1664 besteht. Die facettenreichen Einblicke, die dieses Selbstzeugnis in die Lebenswelt eines Mitglieds der städtischen Oberschicht und der Kulturellen Elite Ulms gewährt, sind von grossem wissenschaftlichen Interesse. Sie dokumentieren eine von tiefer lutherischer Religiosität geprägte Reflexion, die sich vor allem in schwierigen Lebenssituationen äussert, wie den kaufmännischen Konflikten, in die Furttenbach wiederholt verstrickt wird, oder der langen Krankheit seines Sohnes, die schliesslich mit dessen Tod endet.

Diese prononciert protestantische Religiosität vereinte Furttenbach zeitlebens mit einem genuinen Enthusiasmus für die italienische Kultur, die er als Autor mehrerer technischer Traktate, Organisator pyrotechnischer Spektakel und (z.T. realisierter) Bauvorhaben, Theaterprojekten und Gartengestaltungen in den süddeutschen Kontext zu verpflanzen versuchte. Als gewiefter Vermittler kultureller Transfers über konfessionelle und sprachliche Grenzen hinweg gelangte Furttenbach zu grosser Bekanntheit und erwarb dabei ein beträchtliches symbolisches und soziales Kapital.

Obwohl sich Furttenbachs Leben nach der Rückkehr aus Italien fast ausschliesslich in Ulm abspielte, bildete er sich so ein weites, überregionales Netzwerk. Wichtiger Knotenpunkt dieser Beziehungen war seine Kunstkammer, die sowohl von Gelehrten und Reisenden aus verschiedenen Ländern Europas als auch von deutschen Fürsten besucht wurde. Gerade im Bezug auf die Kunstkammer ermöglicht der "Lebenslauff" eine detaillierte Untersuchung des Sammelns und Präsentierens von Objekten, die einen wesentlichen Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte frühneuzeitlicher Wissenspraktiken darstellt.

 

Der "Lebenslauff" wird zur Zeit von Kaspar von Greyerz, Kim Siebenhüner und Roberto Zaugg ediert und wird voraussichtlich 2011 erscheinen.