Neuerscheinungen des Departments Geschichte
Hofmann, Urs
Innenansichten eines Niedergangs
Das protestantische Milieu in Basel 1920 bis 1970
hier + jetzt 2013, 320 Seiten, zahlreiche Grafiken und Tabellen, Format 16 x 23 cm, gebunden ISBN 978-3-03919-283-0, Fr. 49.00, Euro 39.00
Ausgehend von der massiven Kirchenaustrittswelle ab Mitte der 1960er-Jahre beschreibt das Buch den Einbruch des protestantischen Milieus in Basel und die damit verbundene «Krise der Kirchlichkeit». Themen wie die Stellung der Frau in der Kirche oder die kirchliche Haltung zu den Medien Radio und Fernsehen zeigen in einer langfristigen Perspektive auf, wie sich das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren gewandelt hat. Das Buch zeigt, wie die Vertreter der evangelisch-reformierten Kirche die Veränderungen wahrgenommen und welche Strategien sie zur Bewältigung der Krise verfolgt haben. Diese dramatischen Veränderungen der 1960er-Jahre haben Auswirkungen bis in die heutige Zeit – kann man dennoch von einer «Renaissance des Religiösen» sprechen? Das Buch stützt sich auf kirchliche und kirchennahe Zeitschriften und Vereinsakten und bearbeitet ein in der Schweiz bislang unerforschtes Thema.
Nicolas Disch
Hausen im wilden Tal
Alpine Lebenswelten am Beispiel der Herrschaft Engelberg (1600-1800)
Böhlau 2012. 548 S. m. 10 s/w-Abb. 230 mm, Norm und Struktur Bd.41
ISBN: 3412209791, ISBN-13: 9783412209797, Preis € 76.89
Im Zentrum des Bandes steht das alpine Gemeinwesen in der Frühen Neuzeit. Am Beispiel der Herrschaft Engelberg in der Zentralschweiz untersucht der Autor wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen. Er zeigt unter anderem, wie sich die Bevölkerung in der Folge hinsichtlich ihrer Wirtschaftsstärke ausdifferenzierte und die Intensität der bäuerlichen Arbeit zunahm, wie die Gebirgsbewohner gesellschaftliche Spielräume nutzten bzw. schufen und wie die Schriftkultur die bäuerlichen Vorstellungswelten beeinflusste. Insgesamt wird deutlich, dass die Geschichte des frühneuzeitlichen Alpenraums weniger von Rückständigkeit und Isolation als vielmehr von Wandel und Vernetzung geprägt war.
Regina Wecker, Sabine Braunschweig, Gabriela Imboden, Hans Jakob Ritter
Eugenik und Sexualität
Die Regulierung reproduktiven Verhaltens in der Schweiz, 1900–1960
Chronos 2013. 200 S. 17 Abb. Br. CHF 38.00 / EUR 31.00
, ISBN 978-3-0340-1131-0
Eugenische Vorstellungen beeinflussten Medizin, Psychiatrie, Sexual- und Rechtswissenschaft bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus. Diese nachhaltige Wirkung beruhte auf der Vorstellung, die Reproduktion gezielt beeinflussen und so soziale Probleme lösen zu können. In diesem Zusammenhang wurde Sexualität erneut zum Thema gemacht und die Steuerung sexuellen Verhaltens legitimiert.
Eugenik, Wissenschaft und Ideologie zugleich, hat durch die Vorstellung, dass das menschliche Erbgut durch Auslese verbessert werden könnte und sollte, rassistische Tendenzen verstärkt. Mit der Kategorisierung von «lebenswertem» und «lebensunwertem» Leben hat sie zur Ausgrenzung von Menschen beigetragen.
Die vorliegende Untersuchung zeigt die Widersprüche und Ambivalenzen dieser Entwicklungen in der Schweiz und analysiert dabei die eugenischen Zusammenhänge zwischen einem zunehmend liberalen Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Verhaltensweisen und den Eingriffen Abtreibung und Sterilisation, «gefährlicher Sexualität» und Kastrationen. Thematisiert werden auch der Umgang mit Sexualität in den psychiatrischen Anstalten und die Verstärkung unterschiedlicher Sexualnormen für Männer und Frauen.
Die Autorinnen und Autoren haben diese Entwicklungen erstmals anhand der PatientInnendossiers der psychiatrischen Kliniken in Basel untersuchen können. Sie vergleichen sie mit anderen Kliniken und stellen sie in den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz.
Heiko Haumann
Lebenswelten und Geschichte. Zur Theorie und Praxis der Forschung
Böhlau Verlag 2012, 533 S., 7 s/w u. 10 farb. Abb.
Gb., 978-3-412-20934-6
Der Band versammelt Aufsätze des Autors, darunter auch bisher unveröffentlichte Texte. Sie kreisen alle um den theoretischen Ansatz, die Geschichte von einzelnen Menschen und ihrer Lebenswelt her zu erschließen. Heiko Haumann geht es darum, den Begriff der Lebenswelt neu zu fassen und daraus Überlegungen zu methodischen Verfahren abzuleiten, die Alltags- und Sozialgeschichte miteinander verbinden und eine mehrperspektivische Sichtweise ermöglichen. Insbesondere thematisiert er dabei den Umgang mit Erinnerungen in Selbstzeugnissen – Autobiographien und Interviews – sowie mit Fotographien als Quellen. Die Fruchtbarkeit seines Zuganges zeigt sich an beispielhaften Arbeiten zur Regionalgeschichte, zur Geschichte Russlands und der Sowjetunion, zur Geschichte und Kultur der Juden sowie zur Bedeutung der Geschichte in der öffentlichen Auseinandersetzung.
Heiko Haumann
Schicksale.
Menschen in der Geschichte.
Ein Lesebuch
Böhlau Verlag 2012, 468 S., 42 s/w Abb. Geb.
978-3-412-20933-9
Wenn der Mensch im Mittelpunkt geschichtswissenschaftlicher Forschung steht, werden erstaunliche Zusammenhänge sichtbar. Zugleich lässt sich auf diese Weise Geschichte spannend erzählen, wie dieses Lesebuch deutlich macht. Heiko Haumann berichtet von Menschen in verschiedenen Regionen Deutschlands, in Russland und in der Sowjetunion, in Polen und in der Schweiz. Sie machen und erleiden Geschichte. Immer nimmt der Verfasser dabei seine Leserinnen und Leser mit auf anregende Entdeckungsreisen in unterschiedliche Lebenswelten, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Im Nachvollzug des Lebens bekannter Persönlichkeiten wie «ganz normaler Menschen» können sich die Leserinnen und Leser besonders eindringlich mit Geschichte auseinandersetzen.
Peter Haber
Digital Past
Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter
Oldenbourg 2011. 184 S., 1, broschiert, ISBN 978-3-486-70704-5 € 29,80 inkl. MwSt., versandkostenfrei
Alles über die Veränderungen der Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter - von DEM Experten
Digitale Ressourcen, multimediale Methoden und das Werkzeug Computer bestimmen scheinbar selbstverständlich die tägliche Arbeit des Historikers, der Historikerin. Peter Haber geht der Frage nach, wie die Digitalisierung der Welt die Wissenschaft von der Vergangenheit verändert. Wie wird Geschichte im 21. Jahrhundert geschrieben? Wie wird unser Wissen neu geordnet? Welche Macht hat Google?
Eines ist offensichtlich: die Medienrevolutionen des Web und des Web 2.0 wirken massiv auf das Fach Geschichte und auf die Geschichtswissenschaft ein. Haber macht die Veränderungen der letzten Jahrzehnte greifbar und wagt einen Blick auf neue Perspektiven für die Wissenschaft von der Vergangenheit.
«Peter Habers 'Digital Past' sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich für die digitale Geschichtswissenschaft in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft interessieren.» Mills Kelly, Assoziierter Direktor des Center for History and New Media an der George Mason University.
Heinrich Hartmann
Der Volkskörper bei der Musterung
Militärstatistik und Demographie in Europa vor dem Ersten Weltkrieg
lieferbar, 259 S., 18 Abb., brosch., 14,0 x 22,2, ISBN: 978-3-8353-0835-0 (2011), € 19,90 (D) | € 20,50 (A) | SFr 27,90
Grenzüberschreitende Vernetzung in Europa vor dem Ersten Weltkrieg: Militärstatistiken als vielseitige Quellen.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Europa das Bewusstsein für die wissenschaftliche Bedeutung der Bevölkerung, gerade auch in Hinblick auf die «Wehrkraft» einer Nation. Damit wurde die medizinische Musterung der Rekruten auch zu einem Moment der Untersuchung der ganzen Bevölkerung. Größe, Gewicht und Brustumfang der Rekruten interessierten nicht nur das Militär selbst. Statistiker, Mediziner und Anthropologen stürzten sich ebenso auf die männlichen «Militärbevölkerung» als Datenlieferant. Die Frage, ob und wie man über die Statistiken Rückschlüsse auf die Bevölkerungsentwicklung ziehen konnte, wurde zu einem frühen Kristallisationspunkt demographischer Wissenschaften. Heinrich Hartmann analysiert die Rolle des Militärs in der Entstehung solcher Diskurse und Wissenspraktiken vor dem Ersten Weltkrieg. Verglichen werden dabei Fallstudien aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderen europäischen Ländern. Deutlich wird auch die grenzüberschreitende Vernetzung der demographischen Experten: Transnationale Wissenszirkulation und ein nationalistischer Militarismus schlossen sich vor 1914 nicht aus, sondern bedingten sich häufig gegenseitig.
Ausgezeichnet mit dem Henry-E.-Sigerist-Preis 2012.
Thomas Mergel (Hg. zus.m. Pascal Maeder u. Barbara Lüthi)
Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts erlebte die Sozialgeschichte einen fulminanten Aufstieg. Auf Ihrem Höhepunkt war sie die vorherrschende Strömung innerhalb der Geschichtswissenschaft. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sie jedoch deutlich an Boden verloren. Ihre Kernthemen und Methoden gerieten angesichts immer neuer «Turns» ins Abseits. Ist die Zeit der Sozialgeschichte unwiederbringlich vorbei? In diesem Band bewerten namhafte HistorikerInnen die Errungenschaften der Sozialgeschichte, indem sie ihre Rezeption und Weiterentwicklung im deutschen Sprachraum verfolgen. Sie zeigen, welchen methodischen Herausforderungen sich die Sozialgeschichte stellen muss, um sich als Disziplin zu behaupten und diskutieren am Beispiel der Umwelt-, Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie der Religionsgeschichte welche Themen sie aufgreifen kann.
Patricia Hertel
Der erinnerte Halbmond
Islam und Nationalismus auf der Iberischen Halbinsel im 19. und 20. Jahrhundert
in: Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 40
Oldenbourg Verlag 2012. 256 S., 22 Abbildungen, schwarz/weiß gebunden
ISBN 978-3-486-71661-0
Patricia Hertel beleuchtet die Iberische Halbinsel als historische Kontaktzone mit dem Islam, indem sie den Umgang mit der islamischen Vergangenheit im 19. und 20. Jahrhundert analysiert. Anhand von Geschichtsschreibung, Arabistik, Architektur, nationaler Mythologie, Festkultur und Kolonialdiskursen ergründet sie die vielfältigen und widersprüchlichen Deutungen des «erinnerten Halbmonds». Sie zeigt auf, warum sich trotz historischer Ähnlichkeiten in Spanien und Portugal höchst unterschiedliche Vorstellungen und Strategien im Umgang mit der islamischen Vergangenheit herausbildeten.
Patricia Purtschert, Barbara Lüthi, Francesca Falk (Hg.)
Postkoloniale Schweiz.
Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien.
(Reihe Postcolonial Studies), Bielefeld, transcript 2012
422 Seiten, zahlreiche Abbildungen, kartoniert, sFr. 42.50
In den neueren Diskussionen über den Kolonialismus wird vermehrt dem «Kolonialismus ohne Kolonien» Beachtung geschenkt: Auf welche Weise waren auch solche europäischen Länder involviert, die selbst nicht als Kolonialmacht aufgetreten sind? Und wie wirken sich diese Verstrickungen auf die postkoloniale Gegenwart aus?
Der Band geht diesen Fragen am Beispiel der postkolonialen Schweiz nach und stößt damit auch die längst überfällige Rezeption der Postcolonial Studies in der Schweiz an.
Mit Beiträgen von Christine Bischoff, Christof Dejung, Sara Elmer, Francesca Falk, Gaby Fierz, Alexander Honold, Rohit Jain, Franziska Jenni, Meral Kaya, Christian Koller, Konrad J. Kuhn, Barbara Lüthi, Martin Mühlheim, Patricia Purtschert, Bernhard C. Schär, Daniel Speich Chassé und einem Vorwort von Shalini Randeria.
Das Familienbuch des Johann Conrad Schweighauser
Ein Basler Selbstzeugnis aus den Jahren 1663–1712
Herausgegeben von Silvia Flubacher und Simone Zweifel,
unter Mitarbeit von weiteren Studierenden der Universität Basel
2012. SK 5. Ca. 204 Seiten, 2 Abbildungen. Gebunden.
Ca. sFr. 48.– / € (D) 40.50 / € (A) 41.50
ISBN 978‑3‑7965‑2831‑6
Band 5 der Reihe Selbst‑Konstruktion, Schweizerische und Oberdeutsche Selbstzeugnisse 1500–1850, herausgegeben von Alfred Messerli und Kaspar von Greyerz.
Das Familienbuch von Johann Conrad Schweighauser (1648–1713), das er zwischen 1663 und 1712 verfasst hat, steht im Zentrum dieser kommentierten Edition. Schweighauser wurde 1648 in Basel als Sohn eines Notars geboren. Mit 15 Jahren wurde er in die Geschäfte seines Vaters eingeführt und 1673 zum Notar gewählt. Zwei Jahre zuvor hatte er Valeria Stöcklin (1649–1720/29) geheiratet, mit der er zwölf Kinder hatte, wovon sechs das Kindesalter überlebten. Schweighausers politische Karriere begann am 30. November 1691 mit seiner Wahl zum Sechser der Rebleuten Zunft; 1710 folgte die Wahl in den Kleinen Rat der Stadt Basel. Seine politische Laufbahn nimmt im Familienbuch jedoch nur wenig Raum ein: Zu Beginn der Einträge stehen ausserordentliche Ereignisse im Vordergrund, zu denen das Auftauchen eines Zwergs, der Sturz eines Menschen in den Rhein, aber auch die Beobachtung von Kometen zu zählen sind. Letztere thematisiert Matthias Boos in seinem Beitrag «‹… ein ernstlich zeichen seines zorns›. Darstellung und Deutung der Kometen von 1664/65 in Johann Conrad Schweighausers Familienbuch». Im Verlauf des Familienbuchs verschiebt sich der Schwerpunkt auf die Aufzeichnung familiärer Angelegenheiten, wie beispielweise Geburten, Taufen oder Hochzeiten. Diese geben einen Einblick in die sozialen Beziehungen Schweighausers, wie Silvia Flubacher und Elijah Strub im Kapitel «Taufpatenschaften als Form der sozialen Vernetzung» aufzeigen. Der historische Kontext und das familiäre Umfeld werden in den Beiträgen von Simone Zweifel beleuchtet: «Basel zu Zeiten Johann Conrad Schweighausers» und «Johann Conrad Schweighauser und seine Familie».
Bernard Degen, Heiko Haumann, Ueli Mäder, Sandrine Mayoraz, Laura Polexe, Frithjof Benjamin Schenk (Hg.)
Gegen den Krieg Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität
288 Seiten, ca. 50 Abbildungen, Klappenbroschur, 14,5 x 20 cm
CHF 29.– / € 24.–, ISBN 978-3-85616-571-0
Auch als E-Book erhältlich.
1912 fand in Basel der «Ausserordentliche Internationale Sozialistenkongress» oder auch «Friedenskongress der Zweiten Internationale» statt. Höhepunkte bildeten ein riesiger Friedensmarsch durch die Stadt, Ansprachen bedeutender Sozialisten im Basler Münster sowie die Verabschiedung eines Friedensmanifestes. Die Forderungen des Kongresses sind bis heute aktuell geblieben. Anlässlich seines 100. Jubiläums widmet sich dieses Buch der Geschichte und Bedeutung des Kongresses, thematisiert den Zusammenhang mit der damaligen Friedensbewegung sowie das Scheitern der Bemühungen, den Ersten Weltkrieg zu verhindern.
Berhard Degen, Hans Schäppi, Adrian Zimmermann (Hg.)
Robert Grimm
Marxist, Kämpfer, Politiker
CHRONOS Zürich, Br. 248 S.16 Abb.
Der Sozialdemokrat Robert Grimm (1881–1958) kann als interessantester und bedeutendster Schweizer Politiker des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Er bekleidete im Laufe seiner Karriere in Gemeinde, Kanton und Bund fast alle Ämter, in die man gewählt werden konnte.
Als junger Arbeitersekretär veröffentlichte er 1906 eine grundlegende Broschüre zum politischen Massenstreik und stand 1918 bei der praktischen Umsetzung im Landesstreik an der Spitze der Streikleitung. Als Funktionär der Internationale verkehrte er mit den Grossen des europäischen Sozialismus. Er hinterliess ein ausserordentlich breites, von historischen Studien bis zu aktuellen Polemiken reichendes publizistisches Werk, dessen Lektüre sich noch heute lohnt. Zwölf Beiträge namhafter Autorinnen und Autoren beleuchten die verschiedenen Facetten dieser herausragenden Politikerpersönlichkeit. Eine kurze Biographie sowie die bisher umfassendste Bibliographie seines publizistischen Werkes ergänzen den Band.
Roberto Zaugg
Stranieri di antico regime. Mercanti, giudici e consoli nella Napoli del Settecento.
[Ausländer des Ancien Régimes. Kaufleute, Richter und Konsuln im Neapel des 18. Jahrhunderts]
Viella: Roma 2011, 336 Seiten
In den heutigen, auf den ideologischen Prämissen der Rechtsgleichheit und der Volkssouveränität beruhenden Staaten stellt die Unterscheidung zwischen Bürger und Ausländer eine mit politischen Bedeutungen, Ausschlussmechanismen und Konfliktpotential aufgeladene Grenze dar. Und vorher? Wie stand es um „Ausländer“ in den Staaten des Ancien Régimes, die auf keiner nationalen Legitimation beruhten und in welchen die Gleichheit vor dem Gesetz nicht im Entferntesten vorgesehen war? Welche Rechte hatten Migranten und mit welchen Diskriminationen wurden sie konfrontiert?
Diese und weitere Fragen untersucht das Buch am Beispiel Neapels – einer mediterranen, von vielfältigen Migrationsflüssen durchquerten Grossstadt, in welcher zahlreiche kaufmännischen „Nationen“ aktiv waren. Anhand gerichtlicher, diplomatischer und polizeilicher Akten aus italienischen, französischen und britischen Archiven analysiert es die Position von Ausländern vor den Zollbeamten, in der Perzeption der Polizei, in den internen Debatten der Regierung und vor den verschiedenen Gerichten, die an der Kontrolle der Hafenstadt beteiligt waren. Die Studie von Roberto Zaugg zeigt, dass in dieser von Partikularprivilegien durchzogenen Gesellschaft die Ausländer – und v.a. die ausländischen Kaufleute – selten Gleichbehandlung forderten. Vielmehr tendierten sie dazu, ihre juristische Differenz in Anspruch zu nehmen, wobei es ihnen dank der Unterstützung der Konsulate oft gelang, die Funktionsweise der neapolitanischen Institutionen und die von der Regierung vorangetriebenen Reformen zu beeinflussen. Der „Ausländer“ wurde also letztlich nicht so sehr in der rechtlichen Kodifikation definiert, sondern vor allem durch die konstanten Verhandlungen zwischen Migranten, Regierungsmitgliedern, Richtern und ausländischen Vertretungen.
Mehr Informationen auf der Website des Verlagshauses Viella
Anja Rathmann-Lutz (Hg.)
Visibilitäten des Unsichtbaren. Sehen und Verstehen in Mittelalter und Früher Neuzeit.
Zürich: Chronos 2011, 192 Seiten, 40 S/W-Abbildungen
Neben dem Medium der Schrift rücken visuelle Medien in der kulturwissenschaftlichen Analyse von Machtverhältnissen und ihrer Legitimation in der Vormoderne immer stärker ins Zentrum der Untersuchungen. Die interdisziplinären Beiträge dieses Bandes fragen danach, in welchem Verhältnis wissen, sehen, imaginieren, verstehen und erkennen in unsichtbaren Prozessen von Machterhaltung und bei der Kommunikation von – realen und imaginierten – Geltungsansprüchen zueinander stehen, und gehen dem Ordnungscharakter des Sichtbaren bzw. Visiblen in sozialen Räumen nach.
Die Autorinnen und Autoren arbeiten dabei mit der Grundannahme, dass sehen nicht nur die Fähigkeit zur sinnlichen Wahrnehmung umfasst, sondern zugleich eines hermeneutischen Prozesses bedarf, damit das Gezeigte auch als das Gezeigte gesehen – verstanden – wird. Sehen wird somit zu einem kulturell an(zu)eignenden Akt. Damit werden äussere wie innere Bilder polysemiotisch und die zunächst behauptete Eindeutigkeit wird zur Vieldeutigkeit.
Die Wahrnehmung der Visibilität des Unsichtbaren ist also als ein komplexer Prozess des Verstehens und Erkennens gefasst, der hier in sieben Einzeluntersuchungen aus historischer, germanistischer, kunsthistorischer und theologischer Perspektive exemplarisch analysiert wird.
Julia Richers, Monica Rüthers, Carmen Scheide, Eva Maurer (Hg.)
Soviet Space Culture. Cosmic Enthusiasm in Socialist Societies.
Basingstoke/New York: Palgrave Macmillan 2011, 344 Seiten
During the late 50s and early 60s, the Soviet Union boasted an impressive succession of 'space firsts': the first satellite, the first dog, the first man, and the first woman in space were all sent there by the leading socialist country. The influence of the Sputnik and cosmonaut Yuri Gagarin went far beyond political leaders and military circles and was more than merely a link in the chain of technological advancement. This book analyzes Soviet space exploration as a cultural phenomenon, investigating the 'cosmic age', as mirrored in ideology, imagination and everyday life. It examines the communist, utopian and atheist aspects of the Soviet space fever in detail and locates the Soviet fascination for space in the context of Russian social and cultural history. Further topics are the making of male and female space heroes, the performing of space in world politics, space in socialist visual and pop cultures, the impact of space travel on children's dreams, and, finally, the end of utopia and beginning of nostalgia.
Heiko Haumann
Hermann Diamanski (1910-1976): Überleben in der Katastrophe.
Eine deutsche Geschichte zwischen Auschwitz und Staatssicherheitsdienst.
Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2011, 443 Seiten, 56 S/W-Abbildungen
Hermann Diamanskis Leben von 1910 bis 1976 spiegelt deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Keine »große Persönlichkeit«, sondern ein »einfacher Mann« steht im Mittelpunkt des spannend erzählten Buches. Diamanski, Seemann und Kommunist, betätigte sich illegal gegen den Nationalsozialismus und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg. Im »Zigeunerlager« von Auschwitz war er Lagerältester, im Januar 1945 musste er am Todesmarsch nach Buchenwald teilnehmen. Nach dem Krieg machte er Karriere in Ostdeutschland, kam jedoch bald in Konflikt mit dem dortigen Apparat und geriet in die Mühlen des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Er flüchtete nach Westdeutschland und arbeitete kurzzeitig für den US-Geheimdienst. Im Auschwitz-Prozess sagte er als Zeuge aus, auf eine Entschädigung als Verfolgter des Nazi-Regimes musste er lange warten.
Auf ungewöhnliche Weise gewährt die Biographie Einblicke in Brennpunkte der Geschichte und in die Verflochtenheit von privatem Leben und weltpolitischen Geschehnissen. Aus Diamanskis Perspektive erschließen wir seine Lebenswelt. Wir nehmen teil an der Aufarbeitung der Vergangenheit und treten ein in den Dialog mit Akteuren der Geschichte.
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Martin Lengwiler
Praxisbuch Geschichte. Eine Einführung in die historischen Methoden.
Stuttgart/Zürich: UTB/Orell Füssli 2011, 296 Seiten
Diese praxisnahe Einführung in die Methoden der Geschichtswissenschaft schlägt eine Brücke zwischen theoretischen Ansätzen und grundlegenden Arbeitstechniken. Das Werk macht Studierende mit den wichtigsten Zugängen der historischen Forschung vertraut und ist damit eine unentbehrliche Hilfe für die erste größere wissenschaftliche Arbeit.
Rezension von Hiram Kümper, 21.03.2011, auf webcritics.de
»[…] Fazit also: uneingeschränkt lesenswert. Vor allem engagierte Studierende, die die ersten paar Semester bereits hinter sich haben und ihr Arbeiten forschungsnäher ausrichten möchten, werden hier viele Anregungen finden.«
Die ganze Rezension finden sie hier [»]
Josef Mooser, Simon Wenger (Hg.)
Armut und Fürsorge in Basel. Armutspolitik vom 13. Jahrhundert bis heute
Basel: Christoph Merian Verlag, erscheint im November 2011, 290 Seiten, 70 Abb.
Das Buch beleuchtet einen bisher wenig beachteten Aspekt der Basler Stadtgeschichte und zeichnet den Wandel und die Kontinuität des Armutsbegriffs und der Armutsbekämpfung nach. Ein Autorenteam des Historischen Seminars der Universität Basel trägt die Erkenntnisse der Armutsforschung zu einem eindrücklichen Gesamtbild zusammen. Ausgestattet mit siebzig Abbildungen, zeichnen die Beiträge die grossen historischen Linien und Brüche nach, widmen sich gleichzeitig aber auch den kleinen, alltäglichen Geschichten. Ein Buch, das gesellschaftliche Ordnungsmodelle vorstellt und für Armutsprobleme sensibilisiert.
Es schreiben u.a. Susanna Burghartz, Georg Kreis, Martin Lengwiler, Josef Mooser, Claudia Opitz, Katharina Simon-Muscheid und Regina Wecker.
Mehr Informationen zum Buch auf der Website des Christoph Merian Verlags [»]
BBG 181: Claudia Opitz-Belakhal / Regina Wecker (Hrsg.)
Vom Nutzen der Geschichte. Nachbardisziplinen im Umgang mit Geschichte
2009. 117 Seiten. Broschiert. sFr. 38.- / € (D) 27.- / € (A) 27.50, ISBN 978-3-7965-2592-6
Wie dienlich ist der Umgang mit Vergangenheit?
Das Fach Geschichte ist mehr als andere Fächer der Frage ausgesetzt, ob es denn «nützlich» sei, zumal Geschichte doch vor allem Vergangenes betreffe. Was die Historikerinnen und Historiker sozusagen in «eigener Sache» zu diesem Thema meinen, ist eines. Etwas anderes ist, was aus der Sicht von Nachbardisziplinen dazu gesagt werden kann.
Der Nutzen, ja die Notwendigkeit historischer Erinnerung stellt zweifelsohne ein Zentrum des wissenschaftlichen und publizistischen Schaffens von Georg Kreis dar. Dessen Emeritierung hat das Historische Seminar der Universität Basel zum Anlass genommen, eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen anderer Fächer zu bitten, sich zu dieser Frage zu äussern. Das Ergebnis zeigt in interessanter Weise die Ambivalenz des Begriffs «Geschichte» auf: Während die einladenden Historikerinnen und Historiker eher an ihr Fach Geschichte (und somit an ihre akademischen Möglichkeiten) denken, reflektieren die Eingeladenen vermehrt den Gegenstand oder die Dimension der Geschichte. Auf diese Weise ist ein buntes, aber sich dennoch gut ergänzendes Kaleidoskop an Beiträgen zusammengekommen.
An Lac Truong Dinh
Von der Fremdenlegion zu den Viet Minh. Der Schweizer Überläufer Emil Selhofer im französischen Indochinakrieg.
Mit einem Nachwort von Peter Huber. Chronos: Zürich 2011, 164 Seiten, 19 Abb.
Vor Ende des Zweiten Weltkrieges verlässt der 1926 geborene Zürcher Matrose Emil Selhofer die Schweiz und tritt in die französische Fremdenlegion ein. Diese führt ihn ins fernöstliche Indochina. 1947 desertiert er und schliesst sich den vietnamesischen Widerstandskämpfern (Viet Minh) im Kampf gegen die französischen Kolonialisten an. Dort kämpft er im «Détachement Tell», einer vietnamesischen Kampftruppe ausländischer Soldaten, wo er Leutnant wird. Als für die ausländischen Soldaten keine Fronteinsätze mehr vorgesehen sind, arbeitet Selhofer im Propagandabüro der vietnamesischen Armee und verschreibt sich dem Kampf gegen Kapitalismus und Kolonialismus. Nach mehreren Jahren in der Fremde will Emil Selhofer zurück in die Schweiz reisen, doch dazu kommt es leider nicht mehr. Seine Spur verliert sich 1953 im nordvietnamesischen Dschungel, wo er vermutlich bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen ist.
Ausgehend von persönlichen Briefen, Archivquellen sowie Gesprächen mit vietnamesischen Militärkadern rekonstruiert Truong Dinh den kurzen Lebensweg von Emil Selhofer. Seine Geschichte erlaubt neue Einblicke in die Fremdenlegion und die nordvietnamesische Armee und macht den Einfluss des Kalten Krieges auf das Handeln der Schweizer Behörden deutlich.
Francesca Falk
Eine gestische Geschichte der Grenze. Wie der Liberalismus an der Grenze an seine Grenzen kommt.
W. Fink Verlag: Paderborn 2011, 192 Seiten, 12 s/w Abbildungen
Weshalb Grenzen als gegeben betrachtet werden und liberale Gesellschaften wie selbstverständlich eines der wichtigsten Grundrechte, die Bewegungsfreiheit der Menschen, einschränken, untersucht Francesca Falk in ihrer soeben erschienenen Dissertation. Sie zeigt, wie Grenzen und Grenzpolitik entstehen und evident gemacht werden und wie sich die Legitimierung des Liberalismus von Beginn an auf das Konstrukt eines leeren Landes stützte, welches schon damals nicht existierte. Das Thema der Grenz- und Migrationspolitik wird in einem Rückgriff auf die Bildlichkeit der politischen Theorie mit und gegen Michel Foucault, John Locke und Thomas Hobbes diskutiert. Was wird in Bezug auf Grenzen jeweils sichtbar gemacht, was nicht – und weshalb? Zentral in ihrer Arbeit sind Bilder, etwa von Bootsflüchtlingen, vom „leeren“ Land Amerika oder vom „vollen Boot“. Falk zeigt, wie Bilder das Denken über Migration prägen. Die Autorin schält so territoriale Grenzen aus Programmen von Sichtbarmachung und Transparenz, macht ihre Geschichtlichkeit erkennbar und zeigt sie als Bruchlinien unserer Gesellschaft, die Gewalt produzieren. Auf diese Weise gelingt es, Grenzen in ihrer Kontingenz darzustellen.
Inhaltsverzeichnis [PDF/51 KB]
Leseprobe [PDF/120 KB]
Bernhard Degen und Pascal Maeder (Hg.) im Auftrag des Neutralen Quartiervereins Breite-Lehenmatt
Breite-Lehenmatt. Historischer Rundgang durch ein junges Basler Quartier.
Basel (Neutraler Quartierverein Breite-Lehenmatt/Historisches Seminar der Uniersität Basel) 2011. 108 Seiten, reich illustriert.
Noch bis ins 19. Jahrhundert war das Gebiet der Breite und der Lehenmatten mit Wasserläufen und Auwäldern, aber auch mit Äckern und Weiden durchzogen. Im Zug der Industrialisierung und nach der Flusskorrektion der Birs kam es zur eigentlichen Quartiergründung. In den Boomjahren zwischen 1890 und 1914 entstand ein Stadtteil, der durch seine Lage, Bauten, Vereine und soziale Zusammensetzung eine eigene Identiät zu gewinnen begann.
Zum 125-Jahr-Jubiläum des Neutralen Quartiervereins Breite-Lehenmatt haben Studierende des Historischen Seminars unter der Leitung der Historiker Dr. Bernard Degen und Dr. Pascal Maeder mit weiteren Autorinnen und Autoren die Geschichte dieses wenig bekannten Basler Stadtteils erarbeitet. Als Studierende haben Mitgewirkt: Zamira Angst, Martina Bieri, Mark Cheetham, Tim Cuénod, Mirjam Goldenberger, Linda Mülli, Denise von Weymarn-Goldschmidt und Aleksandar Zaric. Das Buch versammelt über 30 Texte, die verschiedene Themen und Ereignisse aus knapp tausend Jahren Geschichte aufgreifen.
John Zimmer, Werner Meyer und Letizia Boscardin
Krak des Chevaliers in Syrien. Archäologie und Bauforschung 2003-2007.
Deutsche Burgenvereinigung: Braubach 2011, 2 Bände, 400 Seiten
Inhaltsverzeichnis [PDF/202 KB]
David Andreetti
Basler Testamente des 17. und 18. Jahrhunderts: privatrechtliche Urkunden und ihre Deutbarkeit als Selbstzeugnisse.
hf-Verlag: Basel 2011, 322 Seiten
Entgegen dem Vorurteil einer beschränkten Nutzbarkeit frühneuzeitlicher Rechtsquellen in der historischen Forschung stützt sich diese Arbeit ganz auf privatrechtliche Testamente der frühneuzeitlichen Stadt Basel und verfolgt sowohl ein methodisches als auch ein inhaltliches Ziel: Diese Quellen sollen für die historische Forschung gewinnbringend erschlossen und in ihrer Deutbarkeit aufgewertet werden.
Im Sinne eines anthropologisch ausgerichteten Geschichtsverständnisses werden die untersuchten Quellen nicht nur in ihrer normativen und ökonomischen Kraft, sondern auch in ihrer erweiterten sozial- und kulturgeschichtlichen Bedeutung analysiert. Der Akt des Testierens erweist sich dabei als soziale Praxis, welch, wenn auch schichtenspezifisch begrenzt, konstitutive Funktionen in Religion, Gesellschaft und Familie übernimmt und in ihrer Aufarbeitung zum besseren Verständnis des frühneuzeitlichen Stadtbürgertums beiträgt.
Pascal Maeder
Forging a New Heimat. Expellees in Post-War West Germany and Canada (Transkulturelle Perspektiven, Band 10)
Verlag V&R Unipress: Göttingen 2011, 296 S., 7 Abb.
In the aftermath of World War II, twelve million German expellees lost their homes in Central and East Europe. The overwhelming majority came to occupied Germany. However, expellees found themselves also stranded in Western Europe, Africa and the Americas, a fact which is often overlooked. Going beyond the standard narratives of flight, vigilante evictions and transfers, this book follows expellees in West Germany and Canada and shows how German prisoners-of-war, exilees or immigrants experienced the expulsions in distant Canada. These experiences were an integral part of the multi-faceted expellee story. Juxtaposing the record of two countries with disparate public discourses on immigration, the author also reveals how expellees eventually adopted national identities which, based on their ethno-regional heritage, reflected their experience of extreme nationalism, war and expulsion as well as the initially difficult settlement into a new political, social and cultural environment.
Laura Polexe
Netzwerke und Freundschaft. Sozialdemokraten in Rumänien, Russland und der Schweiz an der Schwelle zum 20. Jahrhundert
Verlag V & R Unipress: Göttingen 2011, 270 Seiten, 8 Abb.
Wer sich bisher im Zusammenhang mit der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung ihren Akteuren genähert hat, musste meistens feststellen, dass nur wenig über die Beziehung zwischen persönlichen Bindungen und politischen Entscheidungen zu erfahren war. Im Vordergrund stand die Politik; persönliche Verhältnisse traten dahinter zurück. Die Autorin dieses Bandes geht davon aus, dass die internationale Sozialdemokratie als ein System sich überlappender Freundschafts- und Patronagenetzwerke verstanden werden kann, über die Informationen ausgetauscht, Solidarität geübt und Interessen vertreten wurden. Sie zeigt, wie stark im Grunde Persönliches und Politisches vermischt waren. Anhand einer Analyse der Korrespondenzen einiger sozialdemokratischer Akteure aus Rumänien, Russland und der Schweiz um 1900 arbeitet sie die vielfältigen Funktionen von Freundschaften und Netzwerken im Hinblick auf die Geschichte der Arbeiterbewegung heraus.
Inhaltsverzeichnis [PDF/54 KB]
Heiko Haumann
Dracula. Leben und Legende
Verlag C.H.Beck: München 2011, 128 Seiten, 10 Abb., 2 Karten
Kaum eine historische Gestalt ist so sehr von Legenden umrankt wie Vlad Draculea Tepes: Fürst der Walachei im Spätmittelalter, Kämpfer gegen das Osmanische Reich und Kristallisationspunkt blutiger Mythen, die schließlich in Bram Stokers großem Roman Dracula (1897) kulminierten und so den Protagonisten zu einem Ahnherrn der Vampire werden ließen.
Heiko Haumann erzählt das Leben des Vlad Tepes in seiner Zeit, legt dar, wie es zum heute verbreiteten Dracula-Bild kam und warum dieses noch immer fasziniert.
Inhaltsverzeichnis [PDF/42 KB]
"O Herr, erbarme dich mein". Die Tagebücher von Carl Brenner-Sulger im Kontext des Basler Pietismus
Herausgegeben und kommentiert von einer studentischen Arbeitsgruppe des Historischen Seminars der Universität Basel unter der Leitung von Kaspar von Greyerz
Schwabe Verlag: Basel 2010, 246 Seiten
Die kommentierte Edition widmet sich dem Leben Carl Brenner-Sulgers (1806 1838), einem gebürtigen Basler, der sich im frühen 19. Jahrhundert in den Kreisen des sogenannten "Frommen Basels" bewegte und 1831 Mitbegründer des Vereins der Freunde Israels war. Nach seinem Theologiestudium und einem Aufenthalt in Berlin kehrte Carl Brenner-Sulger Anfang der 1830er Jahre nach Basel zurück und war in der Umgebung der Stadt als Prediger und Lehrer tätig. Als Anhänger des Spätpietismus und der Erweckungsbewegung galt sein Interesse auch dem Verhältnis der christlichen Gemeinschaft zum Judentum, was sich in der engagierten Tätigkeit im Verein der Freunde Israels spiegelt. Carl Brenner-Sulger hat vier Tagebücher hinterlassen. Neben dem religiösen öffentlichen Engagement werden in seinen hinterlassenen Schriften auch persönliche Themen wie die Jugend, pubertäre Körpererfahrungen, Liebe und die Praxis der Eheschliessung oder die Erziehung von Kindern angesprochen. Der frühe Verlust seines erstgeborenen Sohnes veranlasste Carl Brenner-Sulger im Weiteren zu Gedankengängen über Schwangerschaft, Geburt, Krankheit und Tod. Die pietistische Gesinnung des Protagonisten, das lebenslange Zwiegespräch mit Gott und das Bedürfnis nach Vergebung begangener Sünden sind stets gegenwärtige Themen der Aufzeichnungen und entsprechen in dieser Hinsicht der pietistischen Schreibtradition. Das Leben Carl Brenner-Sulgers fügte sich ein in die Lebenswelten des Basler Spätpietismus des 18. und der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts.
Gunnar Mikosch
Von alter ê und ungetriuwen Juden. Juden und Judendiskurse in den deutschen Predigten des 12. und 13. Jahrhunderts
Wilhelm Fink Verlag 2010, 240 Seiten
In der diskursanalytischen Untersuchungen zur mittelalterlichen Geschichte wird der mittelalterliche Antijudaismus an einer literarischen Gattung nachgezeichnet, die lange Zeit in der Forschung nahezu vergessen war: den frühen deutschsprachigen Predigten des 12. und 13. Jahrhunderts. Die Predigten werden begriffen als eine Form von theologischer Alltagsrede, in der sich neben den bewusst formulierten homiletischen Verkündigungsabsichten auch theologische, kirchliche und gesellschaftliche Diskurse einschleichen.
Jörn Happel
Nomadische Lebenswelten und zarische Politik: der Aufstand in Zentralasien 1916
Franz Steiner Verlag: Stuttgart 2010, 378 Seiten, 1 Abb., 12 Fotos
Im Sommer 1916 scheiterte die russische Kolonialherrschaft in Zentralasien. Besonders die Nomaden, die sich in einem Aufstand zur Wehr setzten, revoltierten gegen die Zarenmacht. Sie kämpften gegen ihre Einberufung, gegen ihre Entrechtung und gegen die Wegnahme ihres Landes durch russländische Kolonistenfamilien. Wohl bis zu 200.000 Zentralasiaten und etwa 10.000 Russen und Ukrainer kamen in jenen blutigen Monaten ums Leben.
Jörn Happel beleuchtet die Auseinandersetzungen aus der Perspektive der handelnden Akteure. Der lebensweltlich orientierte Ansatz rückt die Menschen ins Zentrum der Beschreibung und ermöglicht es so, Kolonialherrschaft und Kolonialgeschichte neu zu deuten. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Geschichte zweier Männer während der Zeit des Aufstands: Vladimir Železnjakov war als zarischer Geheimpolizist für die Niederschlagung des Aufstands zuständig; der kasachisch-kirgisische Nomadenführer Kanat Abukin war einer seiner Hauptgegner. Und doch hatten sie in erstaunlich vielen Lebensbereichen sehr ähnliche Ansichten, wie sie spätestens bei ihrem Aufeinandertreffen feststellen mussten.
Die Arbeit wurde als hervorragende Dissertation mit dem Fritz-Theodor-Epstein-Preis des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker Deutschlands ausgezeichnet.
Georg Kreis
Orte des Wissens. Die Entwicklung der Universität Basel entlang ihrer Bauten
Christoph Merian Verlag: Basel 2010, 216 Seiten, 130 Abb.
Die anlässlich des 550-Jahr-Jubiläums verfasste und reich illustrierte Universitätsgeschichte zeichnet die bauliche Entwicklung der ältesten Universität der Schweiz nach, vom altehrwürdigen Kern am Rhein über das Bernoullianum und das Biozentrum bis zum Glasturm bei St. Jakob. Das Buch zeigt, wo die Universität für längere oder kürzere Zeit in der Stadt zu Hause war. Zugleich erzählt es eine raumplanerische Entwicklungsgeschichte.
Gerhard Hotz, Kaspar von Greyerz, Lucas Burkart (Hg.)
THEO, der Pfeifenraucher. Leben in Kleinbasel um 1800.
Christoph Merian Verlag: Basel 2010, 236 Seiten, 120 Abb.
Die Publikation dokumentiert eine aussergewöhnliche interdisziplinäre Untersuchung: Anhand eines 1984 bei der St. Theodorskirche in Basel gefundenen Skelettes wurde das Aussehen und das Leben eines zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kleinbasel verstorbenen Mannes möglichst genau rekonstruiert. Der Band dokumentiert die dabei angewendeten naturwissenschaftlichen und archäologischen Verfahren - eine Auffälligkeit im Gebiss etwa lässt auf jahrelanges Pfeifenrauchen schliessen.
In historischer Perspektive wird der kulturelle Kontext erforscht, in dem das Leben des "Theos" - wie der Mann aufgrund der Fundstelle von der Forschungsgruppe genannt wurde - stattgefunden hat. Die am historischen Seminar der Universität Basel verfassten Lizentiatsarbeiten von Franziska Guyer und Philipp Senn wurden dafür zu Buchkapitel umgeschrieben. Allgemein wurden verschiedene Aspekte der Geschichte Kleinbasels im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert im Rahmen des Projektes erstmals genauer untersucht: "'Theo der Pfeifenraucher', erhält nicht nur einen Schädel, sondern auch die Geschichte Kleinbasels zwischen 1780 und 1830 ein Gesicht." (Lucas Burkart)
Susann Baller
Spielfelder der Stadt. Fußball und Jugendpolitik im Senegal seit 1950
Böhlau Verlag: Köln 2010, 399, Seiten, 15 Abb.
Das Buch reflektiert Gestaltung, Deutung und Wandel urbaner Räume im Kontext von Jugendpolitik im postkolonialen Afrika. Der Fokus liegt auf Jugendlichen in den rasant wachsenden Vorstädten der senegalesischen Hauptstadt Dakar und den im Senegal äußerst populären Navétanes-Vereinen. Seit den 1950er Jahren formierten sich diese als Fußballteams, die sich später auch in sozialen Projekten und Theatergruppen engagierten. Die Geschichte dieser Vereine bietet nicht nur Einblicke in den Alltag und die Vorstellungswelten von Jugendlichen im Senegal sowie in soziale und kulturelle Bedeutungen von Fußball, sondern auch in das komplexe Verhältnis zwischen Stadtvierteln, Stadt und Staat in einer afrikanischen Millionenstadt.
Jörn Happel, Christophe von Werdt (Hg.), unter Mitarbeit von Mira Jovanovic
Osteuropa kartiert - Mapping Eastern Europe
Lit-Verlag: Münster 2010, 400 Seiten
Karten sind erstklassige historische Quellen, doch werden sie in der Geschichtswissenschaft nur selten genutzt. Gerade die Kartierung Osteuropas lässt Historiker Einblick nehmen in die Geschichte der Nationalisierung oder Verwissenschaftlichung, in Debatten über Ethnisierung oder in Raum- und Grenzfragen.
Die Karten "erzählen" von Raumphantasien, von Homogenisierungsversuchen in Vielvölkerreichen, sie behandeln Grenzen und Grenzüberschreitungen einzelner Menschen im erdachten und gezeichneten sowie im realen osteuropäischen Großraum.
Heinrich Hartmann
Organisation und Geschäft: Unternehmensorganisation in Frankreich und Deutschland 1890-1914
Vandenhoeck & Ruprecht 2010, 372 Seiten, 11 Abb., 17 Grafiken und 8 Tab.
Die Phase der so genannten »Zweiten Industrialisierung« um die Jahrhundertwende war in Deutschland und in Frankreich gekennzeichnet von neuen Formen der industriellen Produktion, aber auch des Massenkonsums. Dies führte zu veränderten Organisationsformen in der Produktion der Großunternehmen. Zum ersten Mal entwickelten sich systematische Managementlehren und damit neue Richtungen einer organisationswissenschaftlichen Fachliteratur. In beiden Ländern begannen Unternehmer ihre Betriebe reflektiert zu strukturieren, das Management zu professionalisieren und Probleme der Arbeitsorganisation zu durchdenken. Dieser Prozess wird in der vorliegenden Arbeit breitflächig untersucht. Der Vergleich zwischen den benachbarten Ländern, die beide zu den am stärksten industrialisierten Staaten Europas zählten, soll dabei verdeutlichen, in welcher Weise sich diese neue Organisationslehre in großen Unternehmen glich, aber auch welche branchenspezifischen und nationalen Eigenheiten in den Unternehmen Bedeutung gewannen.
Anja Rathmann-Lutz
"Images" Ludwigs des Heiligen im Kontext dynastischer Konflikte des 14. und 15. Jahrhunderts
Akademie-Verlag: Berlin 2010, 428 Seiten, 70 Abb.
Die Auseinandersetzungen um den französischen Thron im 14. und 15. Jahrhundert wurden nicht nur militärisch und diplomatisch, sondern auch auf der Ebene der Bilderpolitik geführt. Im Zentrum des Interesses stand dabei der 1270 gestorbene und 1297 heiliggesprochene König Ludwig IX. von Frankreich, dessen „image“ alle beteiligten Gruppen – Kapetinger, Plantagenet, Valois, Navarra und Burgund – zu ihren Zwecken zu formen versuchten. Über das „image“ Ludwigs des Heiligen verknüpften sie ihre dynastischen und politischen Interessen - wozu sie sich aller ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsformen und -medien, wie z. B. Chroniken und Stundenbücher, Urkunden und Siegel, Statuen und fromme Stiftungen, bedienten, um die unterschiedlichsten Öffentlichkeiten zu erreichen.
Der Begriff „image“ umreisst in Wissenschaft und Alltag im 20. und 21. Jahrhundert das Konzept eines öffentlich wirksamen, sorgsam konstruierten Bildes einer Person oder Institution, das in Politik und Gesellschaft wirkmächtig ist, aber auch immer im Spannungsfeld zwischen „Autor“, Medium und Rezipient gedacht werden muss. Ausgehend von der Allgegenwärtigkeit politischer „images" und ihrer Präsenz in den unterschiedlichsten Medien, fragt die Anja Rathmann-Lutz, ob und auf welche Weise „images“ im späten Mittelalter entstanden sind, in welchem Verhältnis Text und Bild dabei stehen, ob sie ebenfalls politisch instrumentalisiert wurden und inwiefern sie sich von modernen Ausprägungen des Phänomens unterscheiden. Dabei kommen sowohl die Voraussetzungen und Kontexte der Genese der „images“ als auch ihre intendierten, möglichen und tatsächlichen Wirkungen in den Blick.
Susann Baller, Martha Saavedra (Hg.)
Les terrains politiques du football (Politique Africaine 118)
Editions Kathala: Paris 2010, 248 Seiten
Evénement planétaire, la Coupe du Monde 2010 en Afrique du Sud est célébrée comme une alternative à l'afropessimisme, faisant entrer le continent de plain-pied dans la modernité d'une sphère médiatique globalisée. Au Cap, à Durban ou Port Elizabeth, on s'interroge néanmoins sur les retombées de cet événement qui fait la fierté du pays mais reproduit aussi ses profondes inégalités. Par-delà ce nouvel afro-optimisme sportif et ses contrepoints comptables, ce dossier aborde les relations complexes entre ballon rond et politique sur le continent, comme autant d'indicateurs des transformations à l'oeuvre dans les sociétés africaines contemporaines et dans leur rapport au reste du monde. Miroir grossissant du pouvoir post-colonial et de ses contradictions, support des grands récits nationalistes, le football nourrit aussi les tensions ethnorégionales. Espace d'encadrement social et politique des jeunes, il peut devenir le lieu de leur émancipation. Analysant aussi bien l'économie politique des clubs professionnels, les migrations internationales des joueurs africains que les pratiques quotidiennes du sport amateur, en Afrique du Sud, au Cameroun, en Ouganda ou en Côte d'Ivoire, ce volume esquisse de nouvelles hypothèses sur la politique du football, qui permettent de repenser les liens entre les pratiques locales, nationales et transnationales de ce jeu mondialement populaire.
Kaspar von Greyerz, Thomas Kaufmann, Kim Siebenhüner, Roberto Zaugg (Hg.)
Religion und Naturwissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert
Gütersloher Verlagshaus: Güthersloh 2010, 344 Seiten
Die Geschichtswissenschaft liebt die Konstruktion von Dichotomien: Bis in unsere Tage ist das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften entweder als grundsätzlich konfliktreich dargestellt, oder der Aufschwung der Naturwissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert ist als Erfolg einer spezifischen Konfession interpretiert worden. Aus heutiger Sicht sind solche Interpretamente jedoch zu einseitig. Die 14 Beiträge in diesem Band – sie stammen von Autorinnen und Autoren aus sechs verschiedenen Ländern – werfen ein neues Licht auf die Komplexität des Verhältnisses von Religion, Konfession und Wissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert. Sie zeigen außerdem eindrücklich, dass sich eine moderne Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit die Vernachlässigung der Wissenschaftsgeschichte nicht leisten kann.
Heinrich Hartmann, Jakob Vogel (Hg.)
Zukunftswissen. Prognosen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit 1900
Campus Verlag: Frankfurt a.M. 2010, 303 Seiten, 4 Abb.
Vom Gutachten der "Fünf Weisen" bis zur Schätzung des Bevölkerungswachstums – Prognosen sind ein wichtiger Bestandteil unseres täglichen Lebens, in Krisenzeiten mehr denn je. In diesem Band diskutieren Autorinnen und Autoren verschiedener Disziplinen Grenzen und Reichweiten des Blicks in die Zukunft. Wie bewegt er unsere Gesellschaft? Von wem werden Prognosen benutzt und welche Interessen stehen hinter solchen wissenschaftlichen Bildern der Zukunft? In historischer Perspektive wird diesen Fragen anhand von Prognosen zur Umweltentwicklung und Bevölkerung, Verkehrs- und Städteplanung sowie am Beispiel wirtschafts- und biowissenschaftlicher Vorhersagen nachgegangen.
Sophie Ruppel, Aline Steinbrecher (Hg.)
Die Natur ist überall bey uns. Mensch und Natur in der Frühen Neuzeit
Chronos Verlag: Zürich 2009, 200 Seiten, 20 Abb.
Naturerlebnis, Naturwahrnehmung, Vorstellungen von der Natur und ihren Elementen sowie der Umgang mit der Natur sind in weiten Teilen kulturell geprägt und variieren von Epoche zu Epoche. In diesem Sinne lassen sich das Naturerleben oder das Handeln in und mit der Natur nicht zuletzt auch als Spiegel der jeweiligen Kultur beschreiben.
Inwiefern sich die Positionierungen des Menschen gegenüber der Natur – und deren Wandel – in den historischen Quellen antreffen lassen, wie sie im konkreten, alltäglichen Umgang des Menschen mit Wetter, Pflanzen, Tieren und Naturereignissen Ausdruck finden, wird in diesem Band dargestellt.
Julia Richers
Jüdisches Budapest. Kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert
Böhlau Verlag 2009: Köln, Weimar, Wien, 424 Seiten
In Budapest lebte um 1900 die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft Europas. 100 Jahre zuvor hatten die Städte Buda und Pest noch kaum einem Juden die Niederlassung gestattet. Doch die rasante Entwicklung zur Metropole bot den Juden ungeahnte Möglichkeiten, und die Bereitschaft zur Mitgestaltung des Stadtraums war trotz wiederkehrender Ausgrenzungen groß. Dieses Buch rückt den jüdischen Lebensalltag sowie das Nebeneinander von Juden und Nichtjuden im städtischen Großraum, in den unterschiedlichen Quartieren und Gesellschaftsschichten ins Zentrum.
Martina Ineichen, Anna K. Liesch, Anja Rathmann-Lutz, Simon Wenger (Hg.)
Gender in Trans-it. Transkulturelle und transnationale Perspektiven
Chronos-Verlag: Zürich 2009, 256 Seiten
"Transkultur" – "Transnation": Unter diesen Begriffen stehen in der Geschichtswissenschaft in jüngster Zeit Ansätze zur Diskussion, die sich gegen homogene und statische Konzepte von Kultur und Gesellschaft wenden. Der vorliegende Band versammelt unter diesen Begriffen die Beiträge der 12. Schweizerischen Tagung für Geschlechtergeschichte.
Auf thematisch vielfältigen Feldern – spätaufklärerische Enzyklopädiebewegung, Staatsbürgerschaft, Soziale Arbeit, Raumfahrt im Kalten Krieg u.a.m. – zeigen sie auf, wie transkulturelle und transnationale Perspektiven mit der Frage nach Geschlecht verknüpft werden können und welches analytische Potential in dieser Verknüpfung liegt. Die Beiträge schliessen an die Debatten der Kulturtransferforschung, der migration studies und des spatial turn an, unterstreichen dabei die Bedeutung von Geschlecht und benennen umgekehrt auch für die historische Geschlechterforschung neue Anknüpfungspunkte.
Die zwei einleitenden Beiträge versammeln und umreissen die zentralen Konzepte, die für eine transnational bzw. transkulturell interessierte Geschlechtergeschichte besonders viel versprechend sind.
Barbara Lüthi
Invading Bodies. Medizin und Immigration in den USA 1880-1920
Campus Verlag: Frankfurt a.M. 2009, 397 Seiten, 11 Abb.
Die bakteriologische Revolution in der Medizin führte um 1900 zur Medikalisierung der Grenzkontrollen an den Immigrationsstationen der USA. Die Körper der Einwanderer - die "Invading Bodies" - wurden klassifiziert und bewertet: Waren sie gesund und fähig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Diese Kontrollen, so zeigt Barbara Lüthi in ihrer Studie, dienten einerseits der Abwehr bestimmter Personengruppen, zugleich aber auch der Auswahl eugenisch wünschenswerter und "produktiver" Körper. Dabei spielte auch die "rassische" Einordnung eine Rolle: Die Kategorisierungen der Ärzte bieten interessante Einblicke in das rassistische Denken der damaligen Medizin.
Sibylle Brändli, Barbara Lüthi, Gregor Spuhler (Hg.)
Zum Fall machen, zum Fall werden : Wissensproduktion und Patientenerfahrung in Medizin und Psychiatrie des 19. und 20. Jahrhunderts
Campus Verlag: Frankfurt a.M. 2009, 280 Seiten, 21 Abb.
Fallgeschichten sind en vogue. In diesem Band geht es um dreierlei: erstens um Fallakten und Fallgeschichten als historische Quellen sowie um den Stellenwert von Fallstudien in der Geschichtswissenschaft. Zweitens um die Rolle von "Fällen" für die Medizin und Psychiatrie des 19. und 20. Jahrhunderts. Und drittens um die Erfahrungen von Menschen, die zu einem "Fall" werden. Der Band versammelt neue Forschungsergebnisse zur Psychiatrie- und Medizingeschichte und leistet damit einen Beitrag zur aktuellen Debatte über fallbezogene Untersuchungen in der Geschichtswissenschaft.
Laura Polexe
Auf engen Pfaden. Die rumänischen Freiwilligen im spanischen Bürgerkrieg
ibidem-Verlag: Stuttgart 2009. 146 Seiten.
Im spanischen Bürgerkrieg war die öffentliche Meinung in extremer Weise für oder gegen eine der konkurrierenden Seiten polarisiert. Für Spanien selbst bedeutete er eine traumatische Zäsur, die zwar die Möglichkeit einer anarchistisch-sozialistischen Revolution vereitelte, aber gleichzeitig alle demokratisch-reformistischen Orientierungen mehrere Jahrzehnte lang einfror.
Der Kampf gegen den Faschismus war der Beweggrund Tausender von Freiwilligen aus über 50 Ländern, sich für diesen Krieg mit dem Preis ihres Lebens zu engagieren. Darunter befanden sich über 400 Rumänen, die in den Internationalen Brigaden in Spanien kämpften. Es sind die Freiwilligen, die Geschichte geschrieben haben. Ihre Stimmen sollen gehört werden.
Tilmann Robbe
Historische Forschung und Geschichtsvermittlung. Erinnerungsorte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft
Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2009, 260 Seiten
Der Begriff der "Erinnerungsorte" hat eine rasante Karrie re durchlaufen: Noch während in Frankreich Pierre Noras "Lieux de Mémoire" erschienen, gelangte er nach Deutschland und wurde erst zögernd, seit der Publikation der "Deutschen Erinnerungsorte" durch Étienne François und Hagen Schulze nahezu flächendeckend verwendet. Mittlerweile ist er nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in den Nachbardisziplinen und der Publizistik so allgegenwärtig, dass er häufig nur noch Überdruss auslöst. Ausgehend von der Irritation über den vermeintlich geographisch-konkreten Begriff untersucht die Arbeit zunächst die ursprüngliche Konzeption von Pierre Nora und verfolgt dann ihren Weg durch die deutschsprachige Geschichtswissenschaft. Neben umfangreichen Sammlungen nationaler Erinnerungsorte in Deutschland und Österreich stehen Unter suchungen im regionalen und lokalen Rahmen, das Konzept wurde kritisch durchleuchtet, aber auch durch unreflektierte Verwendung verwässert. Ob es weiterhin Nutzen verspricht, will diese Untersuchung klären.














































